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Verschwörungsmythen - nein danke! Warum wir den Dingen lieber auf den Grund gehen

„Das ist doch eine Verschwörungstheorie!“ Diese Behauptung ist mitunter schnell bei der Hand, wenn machtvolle Akteur*innen kritisiert werden. Manchmal trifft sie zu, manchmal nicht, und oft ist gar nicht leicht zu erkennen, ob etwas an ihr dran ist oder nicht. Fast immer macht diese Kritik jedoch persönlich betroffen. Wer sich für eine andere Welt einsetzt, erwartet Zustimmung, vor allem innerhalb des eigenen Umfelds. Da kann der Vorwurf, Verschwörungsmythen zu verbreiten, eine*n schon hart treffen.

Zum Beispiel „Klimaverschwörung“

Immer noch glauben ein paar Unbelehrbare, dass es den menschengemachten Klimawandel nicht gibt. Sie stellen Messergebnisse in Frage und behaupten, dass sich Wissenschaftler*innen, Politiker*innen und Aktivist*innen verschworen hätten, um Fördergelder zu bekommen oder um anderen eine Lebensweise aufzuzwingen, die sie selbst für richtig halten.

Es stimmt, beim Thema Klimawandel gibt es eine Verschwörung: Einige einst hoch angesehene Wissenschaftler*innen sind ein Bündnis mit mächtigen Industriekonzernen und neoliberalen Think- Tanks eingegangen – beispielsweise im Chicagoer "Heartland Institute" und im "Europäischen Institut für Klima und Energie" (EIKE). Diese Think Tanks werden aus Mitteln der Erdöl- und Tabakindustrie finanziert und säen systematisch Zweifel am wissenschaftlichen Stand der Klimaforschung.

Es geht also um das genaue Gegenteil von dem, was Klimaleugner*innen behaupten. Mit der tatsächlichen Verschwörung wird verantwortliches Handeln zur Abwendung der Klimakatastrophe torpediert.

Diese und viele weitere Verschwörungen gibt es, und sicher sind viele noch nicht aufgedeckt. Komplexe gesellschaftliche Ereignisse können jedoch nicht allein auf das Wirken von verschworenen Kleingruppen zurückgeführt werden, sondern unterliegen vielfältigen Dynamiken. Da spielen gesellschaftliche Machtverhältnisse eine Rolle (zum Beispiel zwischen Klassen und Geschlechtern), ebenso institutionelle Eigenlogiken (zum Beispiel der Massenmedien, des Wissenschaftssystems oder des Politikbetriebs) und nicht zuletzt systemische Zwängen (zum Beispiel zur Kapitalverwertung, zur Marktkonkurrenz und zu stetigem Wachstum). Auch Zufälle kommen vor.

Verschwörungsmythen können tödliche Folgen haben

Ein Blick in die Geschichte zeigt, welch furchtbare Folgen Verschwörungsmythen haben können. So war es beispielsweise im Mittelalter weit verbreitet, Schicksalsschläge dem Wirken schwarzer Magie zuzuschreiben. Zehntausende Frauen wurden der Hexerei beschuldigt und verbrannt. Die Nationalsozialist*innen knüpften an das alte antisemitische Bild einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung an, um Pogrome und den Massenmord an Millionen von Jüdinnen und Juden zu legitimieren.

Das Raunen über angeblich strippenzieherische geheime Mächten knüpft an die weitverbreitete Idee an, dass es einen Schuldigen für alles Elend der Welt geben müsse, den man nur benennen und aufhalten müsse. Aber ist nicht die Vorstellung absurd, angesichts der vielfältigen Lobbygruppen und elitären Netzwerke ernsthaft zu glauben, es gäbe ein einziges Machtzentrum? Wer solchen Ideen anhängt, knüpft an mehr oder weniger ausdrückliche antisemitische Verschwörungsmythen an. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ dienen bis heute als Beweis einer zionistischen Weltverschwörung, obwohl sie schon vor 100 Jahren als Fälschung entlarvt wurden. Häufig wird dieses antisemitische Stereotyp jedoch verklausulierter geäußert. Da ist dann die Rede von der „Hochfinanz“ und der „Ostküste“ (der USA), oder von der FED, der Zentralbank „Federal Reserve“ der USA.

Wie Verschwörungsmythen emanzipatorischen Bewegungen schaden können

Verschwörungsmythen können nerven und sie sind auch alles andere als ungefährlich. In Bewegungen, die sich für eine friedliche und solidarische Gesellschaft einsetzen, können sie zum Beispiel:

1. entmutigen:

Schon die offensichtlichen militärisch-industriellen und politischen Machtstrukturen können entmutigend wirken. Wenn dann noch die Vermutung hinzu kommt,, dass die Welt von einer geheimen Elite gesteuert wird, kann eine*n das endgültig lähmen. Wozu sich engagieren, wenn die Welt von einem verschworenen Geheimzirkel beherrscht wird?

2. hierarchisieren:

Das angebliche Wissen um eine Verschwörung wird oft mit dem Gestus großer Überzeugung vorgetragen. Vermeintlich zu wissen, wie es „wirklich“ war, drückt vor allem aus: „Ich weiß mehr als andere“. Eine klassisch patriarchale, elitäre Pose, die ein sachliches, gleichberechtigtes Gespräch sehr erschwert.

3. ablenken:

Wenn ständig vermeintliche Strippenzieher*innen im Hintergrund als Schuldige für Missstände gesucht werden, kann das den Blick sehr verengen oder irreleiten. Ökonomische Strukturen, die zu sozialer Spaltung und Umweltzerstörung führen, geraten so leicht aus dem Blick. Statt gemeinsam zu überlegen, wie solche Strukturen überwunden werden können, wird gegen Einzelne oder gegen ganze Menschengruppen gehetzt.

4. aufstacheln:

Verschwörungsmythen und Hetze gegen angeblich geheime, machtvolle Eliten schüren Hass und können dazu aufstacheln, endlich etwas gegen „die“ tun zu wollen. Massenmorde wie in Oslo und auf Utoya 2011 und 2019 in Christchurch (Neuseeland), verübt durch Rechtsradikale, sind erschreckende Beispiele für Hassverbrechen. Auch in Deutschland breitet sich dieses Phänomen mit schrecklichen Folgen aus: Der Attentäter, der im Herbst 2019 in Halle versuchte, einen Massenmord in einer Synagoge zu verüben, und zwei Menschen tötete, glaubte an antisemitische Verschwörungsmythen, und auch das Weltbild des Terroristen, der im Februar 2020 in Hanau zehn Menschen ermordete, war von Verschwörungsmythen geprägt.

Zwischen Fake News und notwendiger Kritik unterscheiden

Der Verschwörungsmarkt boomt und entsprechende Veröffentlichungen sind ein gutes Geschäft. Rechte nutzen Verschwörungsmythen, um mit Gerüchten über angeblich machtvolle Strippenzieher*innen Kasse zu machen und Hass zu säen. Viel zu oft fällt dies auf fruchtbaren Boden, vor allem in verunsichernden gesellschaftlichen Situationen. Denn wenn Menschen sich überlastet fühlen, können einfache Erklärungen für komplizierte Sachverhalte Erleichterung verschaffen. Die Realität erscheint dann beruhigend durchschaubar, und wer sich in der Lage fühlt, Bedrohliches zu erklären, kann sich auf solch trügerische Art als selbstwirksam erleben. Daraus kann ein fast suchtartiges Verlangen nach immer neuen vermeintlichen Fakten, und eine autoritätsgläubige Abhängigkeit von selbsternannten Wahrheitsverkündern entstehen. Mit Algorithmen, die auf Sensationsmeldungen programmiert sind, entstehen so digitale Filterblasen und Echokammern, denen zu entkommen immer schwieriger wird.

Die Zustimmung zu Verschwörungsmythen gründet oftmals auf Zweifeln und Misstrauen, für die es in einer Welt aus den Fugen gute Gründe gibt – auch die jüngere Geschichte kennt Operationen von Geheimdiensten, Lügen, die im Vorfeld von Kriegen verbreitet werden, den enormen Einfluss der Lobbygruppen von Großkonzernen und ähnliches mehr. Es ist wichtig, nicht vorschnell Mutmaßungen und Verweise auf illegitime Machtausübung mit dem Verschwörungstheorie- Vorwurf vom Tisch zu wischen. Auch legitime und notwendige kritische Impulse können jedoch dazu führen, dass Verschwörungsmythen auf den ersten Blick plausibel erscheinen. Dann ist

Unterscheidungsfähigkeit gefragt, damit nicht (vielleicht ungewollt) Einfallstore für nationalistische, völkische und antisemitische Ideologien entstehen.

Verschwörungen

Obwohl sich der Lauf der Geschichte praktisch nie allein durch das Wirken bestimmter isolierter Gruppen erklären lässt, ist es dennoch kaum zu leugnen, dass Vertreter*innen von mächtigen Industrielobbys, Nachrichtendiensten, djihadistischen und faschistischen Gruppen oder auch revolutionären Kräften oftmals im Geheimen agieren und dabei Einfluss auf historische Ereignisse nehmen. So existiert zum Beispiel mit Blick auf das Wirken von staatlichen Geheimdiensten ein eklatanter Mangel an demokratischer Öffentlichkeit. Es ist nicht zuletzt an der Zivilgesellschaft, mindestens Kontrolle und größtmögliche Transparenz, wenn nicht gar die Auflösung mancher Institutionen einzufordern.

Verschwörungen sind historisch belegbar.

Whistleblower*innen, investigative Journalist*innen sowie zivilgesellschaftliche Organisationen und Initiativen haben – oft in jahrelanger Arbeit und unter erheblichen persönlichen Risiken – einen kaum zu unterschätzenden Beitrag bei der Aufdeckung von Verschwörungen geleistet. Darum ist es legitim und notwendig, Hypothesen zu formulieren. Eine solche ist jedoch kein Beweis. Dafür ist kleinteilige akribische Faktensammlung erforderlich. Verschwörungshypothesen zu beweisen erfordert meist Mut und oft sehr umfangreiche Recherchen.

Verschwörungshypothesen sind empirisch überprüfbar.

Diese wichtige aufklärerische Arbeit lässt sich unterscheiden von geheimniskrämerischem Raunen und dem Streuen von Gerüchten. Ob jemand ernsthaft an Aufklärung interessiert ist, lässt sich daran

erkennen, ob alle bekannten Tatsachen und Quellen einbezogen und die Grundlagen der Recherchen offengelegt werden. Erst eine solche Herangehensweise ermöglicht es, die aufgestellten Hypothesen kritisch zu überprüfen.

Verschwörungsmythen sind widerlegbar, aber kritikresistent.

Verschwörungsmythen sind die Basis ideologischer Märchen ohne jede theoretische Fundierung. Die Erzähler*innen präsentieren sich ihrem Publikum als Held*innen im Einsatz für das Gute. Dabei transportieren sie ein zutiefst autoritäres und patriarchales Menschenbild: Ich – und nur ich – weiß genau, und vor allem besser als andere, was die Wahrheit ist. Dabei greifen sie jedoch selektiv auf Fakten zurück, die ihre Geschichte stützen, und blenden widersprüchliche Informationen aus.

Als AG „Attac gegen Rechts“ engagieren wir uns in diesem Feld.

  • Wir haben die nationalistische Rechte und ihre Versuche, Einfluss auf soziale Bewegungen zu nehmen, im Blick. Die andere Welt, die wir wollen, ist solidarisch, friedlich, demokratisch und garantiert allen ein Leben in Würde.

  • Wir diskutieren in sozialen Bewegungen solidarisch, wo rote Linien gezogen werden sollten.

  • Wir beziehen dabei die Kritik an Konzernen, Finanzmarktakteuren und machtvollen Lobbygruppen mit ein.

  • Wir beteiligen uns als Attacies an Bündnissen wie "Aufstehen gegen Rassismus" oder #unteilbar.

  • Wir freuen uns über Mitstreiter*innen.

Infos:

www.attac.de/gegen-rechts

Kontakt:

gegen-rechts@attac.de

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Verschwörungsmythen