Staatstragend

Primseranien war ein schönes Land. Die Bewohner, die Primseraner, waren stolze und fleißige Menschen. Sie waren zufrieden und kümmerten sich wenig um die Politik. Sie überließen diese den Oberen, den Clanchefs. Es gab verschiedene Clans. Sie gehörten den schwarzen, blassroten, gelben und grünen Clans an. Alle bezeichneten sich als "staatstragend". Sie unterschieden sich lediglich in ihren Größen und Einflussmöglichkeiten. Die Bezeichnung "staatstragend" führte zu vielen Fragen. Was ist damit gemeint? Was soll getragen werden - die Staatsgrenze, das Staatsgebiet, das Staatsvolk, der Staatsschatz oder gar alles zusammen?

Das gemeine Volk wusste es nicht, und die Oberen schwiegen. Da es von den Oberen keine Erklärung gab, überlegte, rätselte, spekulierte das Volk: Wie trägt man einen Staat? Kann man den überhaupt tragen? Wenn ja, trägt man ihn auf dem Kopf, so wie man in Afrika Lasten trägt? Trägt man ihn mit den Händen vor dem Bauch wie Bücherpakete? Oder trägt man ihn auf dem Buckel wie Mehl- und Kartoffelsäcke?

Niemand hatte es je gesehen und es war schwer eine Antwort zu finden. Einige meinten, das sei doch egal, die Hauptsache, es hört sich gut an.

Die Clanchefs, die fürstlich von den Steuergroschen ihrer Bürger lebten, beschlossen, heimlich mal wieder einen staatstragenden Akt zu vollbringen. Sie ließen eine Sänfte bauen und beluden sie. Der Inhalt blieb ihr Geheimnis.

Eines Tages - aus anderen Ländern kommend - zogen Bänkelsänger durch das Land. In den anderen Ländern gab es anders gelagerte aber ähnliche Probleme, eigenartige Geschehnisse. Ihre Lieder berichteten darüber. Von Heuschrecken, die diese Länder überfielen, die schlimmer waren als die aus den biblischen Geschichten. Sie berichteten unter anderem von Siemento, Lackermann und Nokiot. Die Menschen hörten zu, aber konnten sich nicht vorstellen, dass es so etwas gibt. Gleiches geschah auch bei einem Lied über Primseranien. Es berichtete von einer merkwürdigen Prozession in Primseranien, einem staatstragenden Akt. Dem Lied zufolge trugen die Clanchefs eine Sänfte. Die Träger hatten farbig schillernde Kapuzen in den Farben ihrer Clans auf dem Kopf. die Tragholme der Sänften waren unterschiedlich hoch. Sie entsprachen in ihrer Höhe der jeweiligen Größe eines jeden Trägers. Das verhinderte, dass sich die Lasten für die Träger ungleichmäßig auswirkten. Der Himmel der Sänfte und die geschlossenen Vorhänge ermöglichten keinen Einblick in das Staatsgetragene. Die Träger liefen eigenartigerweise auch nicht ihrer Nase nach, wie das so üblich ist, nein, sie gingen rückwärts. Auf diese Art täuschten sie eine andere Richtung vor. Fühlten sich die Träger beobachtet, verharrten sie sofort, damit die Täuschung nicht auffiel. Das sah dann sehr komisch aus, ein Fuß auf dem Boden, den anderen in der Luft und in den Händen die Tragholme der Sänfte. Wähnten sie sich wieder unbeobachtet, setzten sie ihren Weg langsam und lautlos rückwärts gehend Schritt für Schritt fort.

Ziel war der Opferaltar des Konzerngottes Nimmersatt. Niemand sollte das wissen. In der Nacht kamen sie an. Sie wollten die Sänfte mit den Opfergaben gerade vorsichtig abstellen, als sie wegen einer Tollpatschigkeit auf den Altar fiel. Das erschütterte die Sänfte und deren Umgebung stark. Es wackelte und klimperte so sehr, dass es im ganzen Land zu hören und zu spüren war. Die Menschen wurden wach, Tiere erschraken und Fensterscheiben gingen zu Bruch. Jetzt erst merkten sie, dass sich in der Sänfte ihre Staatskohle und ihre sonstigen Schätze befanden.

Nun glaubten sie auch den Bänkelsängern. Die Menschen murrten und begannen aufmüpfig zu werden. Da sandte der in der oberen Etage des hoch in den Himmel ragenden Wolkenkratzers residierende Konzerngott Nimmersatt seinen Götterboten Justizius nach unten. Der verhöhnte das murrende Volk, indem er sagte:"Was die Staatstragenden genehmigt haben, kann nicht unrecht sein", nahm die Opfergaben und verschwand nach Riechtenstein.

Niemand wollte für die Misere verantwortlich sein. Die Oberen beschuldigten sich in der Öffentlichkeit noch gegenseitig, während sie schon wieder geheim einen neuen staatstragenden Akt planten.

 

                                                               peme, im Frühjahr 2008

 

Die Regierung lügt nicht

Im Namen der Regierung verkündete der Regierungspräsident: "Der Aufschwung ist unten angekommen." Presse, Rundfunk und Fernsehen meldeten die Nachricht an erster Stelle. In Windeseile verbreitete sie sich. Nach kurzer Zeit sprach man überall über diesen Aufschwung; auf Straßen und Plätzen, in Gasthäusern und Eisenbahnen, in Sportstätten und Schwimmbädern. Man freute sich sehr. Nur Gutes hörte man von ihm. Er sei nett und freundlich und helfe den Menschen. Wohin er komme verbreite er Zuversicht und Aufbruchstimmung.

Vor vielen Jahren soll er schon einmal da gewesen sein. Ich hatte ihn nicht bemerkt. Dieses Mal wollte ich es nicht versäumen, seine Bekanntschaft zu machen. Ich wollte Herrn Aufschwung unbedingt kennen lernen, ihn begrüßen und zu uns einladen. Für ihn würden wir gerne zu Hause Platz machen, auch enger zusammenrücken. Bisher kannten wir nur Frau Krise. sie war das Gegenteil von Herrn Aufschwung. Frau Krise hatte sich bei uns eingenistet. Sie war hartnäckig und wollte nicht mehr gehen, egal, was wir machten, sie brachte uns nur Not. Ich mochte sie nicht.

Gerade deshalb wollte, nein musste, ich Herrn Aufschwung kennen lernen. Ich sah ihn aber noch nicht. Er war mir auch noch nicht begegnet. Das stimmte mich traurig, das durfte aber nicht sein. Also machte ich mich auf den Weg ihn zu suchen.

Ich ging zu den Nachbarn, fragte ob Herr Aufschwung bei ihnen angekommen sei. Sie verneinten. Ich lief die Straße rauf und runter. Ich fand ihn nicht. Vielleicht hat er sich verspätet, ist noch unterwegs und kommt mit dem nächsten Zug, dachte ich. Ich rannte zum Bahnhof, studierte die An- und Abfahrtspläne und überlegte, mit welchem Zug er kommen könnte. Ich lief auf den Bahnsteig, wo geschrieben stand "aus allen Richtungen" und wartete die Ankunft aller Züge ab. Aber Herr Aufschwung kam nicht.

Vielleicht hat er auf seiner Reise geschlafen und ist aus Versehen durchgefahren? Da rief ich den nächsten Bahnhof an, fragte, ob Herr Aufschwung dort angekommen sei. Die Auskunft verneinte die Frage. Ich wurde ungeduldig. Ich musste den Herrn Aufschwung sehen. Ich wollte ihn absolut kennen lernen, ihn begrüßen und einladen. Denn Herr Aufschwung machte doch nur Gutes. Ich rappelte mich auf, rannte zum Flugplatz, denn vielleicht kam er mit dem Flugzeug, war meine Überlegung. Auch dort war er nicht eingetroffen. Ich war enttäuscht. Die Verzweiflung stand mir im Gesicht geschrieben. Überall hatte ich bisher nach der Ankunft von Herrn Aufschwung gefragt. Überall die gleiche Auskunft: "Bei uns nicht!"

Gedankenversunken eilte ich rastlos durch die Stadt auf der Suche nach Herrn Aufschwung. Der weicht mir vermutlich aus, will mich gar nicht sehen. Warum wohl, er kennt mich doch gar nicht, sagte ich mir. Sogleich verwarf ich diesen Gedanken wieder und glaubte, er habe keine Zeit für mich, sollte er doch zu Millionen Menschen kommen.

Mit solchen und ähnlichen Gedanken beschäftigte ich mich, als mir ein auffällig vornehm gekleidetes Paar begegnete. Sie in wunderbarer Seide und er in feinem englischen Zwirn. Sie machten mächtig Eindruck auf mich. Sie wirkten sorglos, gelassen und weltoffen. Schüchtern sprach ich sie an und erzählte ihnen meine Geschichte von der Suche nach Herrn Aufschwung. Vorsichtig fragte ich, ob sie ihn kennen. Sie bejahten. Ich schöpfte neue Hoffnung. Unaufgefordert sprachen sie weiter: "Gehen sie in die Unterstadt, dort rechts steht ein palastartiges Gebäude, die Börse. Und im vierten Untergeschoss ist der Börsensaal." "Ganz unten", schoben sie nach, "dort ist Herr Aufschwung zu finden. Und wenn sie viel Geld und Vermögen besitzen, kommt er auch zu ihnen."

Ich bedankte mich höflich und war überzeugt: Die Regierung lügt nicht.

 

PEME im Februar 2008

 

 

 

 

Ein garstig Märchen

Es war einmal ein freiheitlich demokratischer Freizeitpark, in dem die Abgeordneten nur ihrem Gewissen verpflichtet und an keine Weisungen gebunden waren.

An diesen schrecklichen Vorgaben trugen die Parlamentarier schwer, weshalb sie sicherlich die stattlichen Diäten erhielten. Angesichts schamlos öffentlich entleerter Kassen durch Steuergeschenke an Millionäre, teure Rüstungsaufträge, großzügige Eigen- und Parteienfinanzierung usw. trauten sich die Volksvertreter nicht, sich für ihre schwere Bürde nochmals einen Zuschlag aus der Kasse zu genehmigen.

Sie litten dadurch gleich zweifach: Sie konnten ihre Begierde nicht stillen, und die Last des Gewissens lag schwer auf ihnen - ganz besonders bei Abstimmungen für's Soziale. Die so Geplagten fragten sich: Was mach ich bloß mit meinem Gewissen bei den Abstimmungen? Einige hatten diese Sorge nicht. Sie hatten ihres schon vor langer Zeit gegen hoch dotierte Beraterverträge und sonstige Posten in Vorstandsetagen eingetauscht. Die aber mit dem quälenden Gewissen liefen in ihren kärglichen Stuben hin und her und überlegten lange.

Da jene ohne Gewissen mit denen, die noch eines besaßen solidarisch waren, suchten sie gemeinsam nach einer Lösung. So kamen sie darauf eine Agenda-Suppe zu kreieren. Für die scharfen Gewürze luden sie auch externe Berater aus der freien Wirtschaft hinzu. Alle warfen ihre Ideen in einen großen Topf. Als neue, deftige Gewürze kippte man ein wenig Hartz und ein wenig Rürupp hinein. Unter Aufsicht von Konzernen wurde sodann mit rosaroten, grünen, gelben und schwarzen Löffeln kräftig gerührt. Die Suppe wurde gallig, das war aber egal. Die Köche brauchten sie ja nicht auszulöffeln.

In dieser Suppe schwamm ein dicker Brocken: Es war eine ganz besondere Ich-AG. Die Herren Volksvertreter fischten ihn heraus und boten ihn in ihrem Freizeitpark den längst von der Arbeit entwöhnten Zeitgenossen an. Sogleich hofften sie inständig, dass er angenommen und diese besondere Ich-AG auch gegründet würde. Eine Ich-AG, die gegen geringes Honorar beim Eintritt in die Palaverstube das Gewissen der Abgeordneten übernimmt und aufbewahrt, es aber für öffentliche Auftritte wieder zur Verfügung stellt. Das Honorar war kein Problem, konnte es doch steuermindernd geltend gemacht werden.

Das Warten war nicht vergebens. Es dauerte nicht lange und es fand sich ein mitfühlender Arbeitsloser, der bereit war, den so arg geplagten Mandatsträgern aus der Patsche zu helfen. Der Arbeitslose beantragte bei einer extra dafür geschaffenen Dienststelle eine Ich-AG zur Aufbewahrung von Gewissen. Seine Zentrale richtete er im Zentrum des Freizeitparks ein. Diese besondere Art der Ich-AG florierte und bald fanden sich Nachahmer in allen Parksektionen.

Die Politiker waren erleichtert. Sie hatten das lästige Problem mit ihrem Gewissen gelöst und konnten außerdem fortan landauf und landab schamlos verkünden, sie hätten zusätzlich neue Arbeitsplätze geschaffen.

 

PEME im Frühjahr 2004

 

 

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