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Bekleidungsproduktion

Lieferketten und Werte

Von Klaus Pedoth; Juni 2022

Rohstoffknappheit, Produktionseinbrüche, Transportprobleme, Warenengpässe, steigende Preise, hohe Infla­ti­on, drohende Insolvenzen…

Es ist weder übersehbar, noch wegzuleugnen: die grenz­über­schrei­ten­den Wert­schöp­fungs­ket­ten, die die glo­ba­le Öko­no­mie ver­bin­den, haben Wege in beängstigende bis bedrohliche Richtungen eingeschlagen.

Und nun?

Um Antworten auf diese Frage zu finden, kann ein Blick in Vergangenes helfen.

Grundlage der Entstehung der ökonomischen Globalisierung ist das „Drängen“ der Eliten von Finanzwirtschaft und Konzernen, die Möglichkeiten ihrer Gewinnmaximierungen von nationalen auf internationale Ebenen zu erweitern.

Immer wieder wurden der entscheidungstragenden Politik Vorzüge einer ökonomischen Globalisierung "eingeflüstert" und sie damit auch "bedrängt", ein "geschäftsfreundliches Umfeld" herzustellen und zu sichern.

Neben Staaten mit „westlicher Prägung“, also einer kapitaldominierten Marktpolitik und Staaten der System-Konkurrenz, des Staatssozialismus/Kommunismus standen dabei vor allem Staaten der so genannten „Dritten Welt“ und/oder „Schwellenländer“ auf dem Plan.

Als ein hilfreicher Weg zur ökonomischen Globalisierung wurde unter anderem die Umsetzung von der Idee: „Wandel durch Handel“ propagiert und angestrebt. Mit dem Ziel, durch eine Internationalisierung der Märkte die Grundlage für verbesserte Beziehungen zu Staaten, eine positive Völkerverständigung, steigenden Wohlstand und Frieden zu schaffen.

Was sich grundsätzlich gut anhört, dann aber doch voller Fragwürdigkeiten steckt.

So lag dieser Internationalisierung z.B. die Idee zugrunde, so viel staatliche Regulierungen wie möglich zu beseitigen (Liberalisierung), um einer Kapitalakkumulation ohne Widersprüche den bestmöglichsten Boden zu bereiten.  Also möglichst ohne gesellschaftliche Diskussionen einen Abbau von „Markthemmnissen“ herzustellen, der als so genannte „Modernisierung“ neben dem „Wert“ der Wirtschaftlichkeit und dem Abbau von sozialen Rechten und Standards vor allem dem „Wert“ des Wirtschaftswachstums entspricht.

Im „Zusammenspiel“ der Wirtschafts- und wirtschaftsfreundlichen Politik-Eliten wurden mit Hilfe von Verträgen Handels- und Verkehrsbeschränkungen abgebaut, wobei es konkret nicht nur um tarifäre (z.B. Zölle, Exportsubventionen oder Mindestpreise) und nichttarifäre (z.B. Importquoten und Handelskontingente) Handelsbeschränkungen ging, sondern vor allem um die Nutzung (Ausbeutung) von natürlichen Ressourcen in anderen Ländern, deren riesiges Reservoir arbeitssuchender und deshalb billiger Arbeitskräfte sowie um das Erschließen und Nutzen neuer Absatzmärkte.

Je nach „Ressource“ und staatlicher „Zuwendungen“ investierte „das Kapital“ in die neuen, kostengünstigeren Märkte und baute gleichzeitig die Produktion in den teuren Standorten des „globalen Nordens“ ab.

Mit den Produktionsprozessen in verschiedenen Ländern (und Kontinenten) wurde eine Produktions-„Kette“ geschaffen, die heute als „Lieferkette“ bezeichnet wird und die am Ende dem am unentwegten Konsum orientierten „globalen Norden“ den „Wert“ des Kaufs von Waren zu billigen Preisen liefert.

Dass die Unternehmer-Möglichkeit der Produktionsverlagerung in billigere Standorte auch staatliche Politik unter Druck setzen und sie letztlich zu sozialfeindlichen und sogar sozialschädlichen Entscheidungen gezwungen hat, wird in den heutigen Krisen (siehe Anfang des Textes) deutlich.

Kurzum: Kapital-Mobilität ist Macht.

Macht nicht nur im Verhältnis von Kapital und Arbeit, sondern auch zwischen den Staaten. Mit der ökonomischen Globalisierung ordnete sich der „globale Norden“ den Rest der Welt als Zulieferer für sein Wachstum zu. Womit er besagte „Lieferkette“ schmiedete, die ihm heute auf die Füße fällt, ins Grübeln bringt und Unwohlsein verursacht.

Neben der Abhängigkeit von Ketten-Mitgliedern (Zuliefern) erzeugt vor allem die Abhängigkeit von politischen Entscheidungsträgern Sorgen.

Spätestens, seit Ex-US-Präsident Trump die friedliche Regelung von Handelskonflikten durch das Recht des Stärkeren ersetzte, bestimmen Handels- oder Wirtschaftskriege die Schlagzeilen.

Begleitet und verstärkt werden die dadurch entstandenen Probleme des „globalen Nordens“ auch durch Umwelt-Katastrophen, Corona-Pandemie, Cyber-Kriminalität und intermodalen Verkehr (Transport durch Container), in Europa besonders durch den Russland-Ukraine-Krieg.

Die jetzt daraufhin erfolgenden Diskussionen betreffen auch die „Werte“ dieser Handels- sowie die sie dominierende Lieferketten-Politik.

Erlaubt sind deshalb Fragen wie:

Entspricht das wachstumsorientierte umweltschädliche Konsumverhalten einem zivilisatorischem Wert?

Stellt die Nichtbeachtung des Wissens um die physische und psychische Arbeitskraftausbeutung von Menschen, vor allem von schwachen und nicht wehrfähigen Menschen, einen positiven Wert dar?

Welchen Wert haben die unglaublich vielen und unendlichen Transporte von Produktionsgütern über Land, zu Wasser und in der Luft?

Ist das Kaufen und Wegwerfen von überlebensfremden Gütern ein zufriedenstellender Wert?

Und: Welcher Wert wird Menschen zugestanden?

Dass jetzt die USA und die EU eine „wer­te­ge­lei­te­te“ Han­dels- und Inves­ti­ti­ons­po­li­tik propagieren, stimmt nachdenklich und wirft weitere Fragen auf. Und vor allem die dazu von Christine Lagarde, Che­fin der Euro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) getroffene Aussage: „Es wird zunehmend unhaltbar, den Handel von universalen Werten wie Menschenrechte und dem Respekt vor internationalem Recht zu trennen."