SCHÖNE EINE WELT

Politisches Theater mit der Berliner Compagnie
Aufführung in der Waldorfschule Heilbronn am Freitag, 03.12.2010

Aufführung in Heilbronn

Vor vollen Rängen präsentierte die Berliner Compagnie dem begeisterten Publikum eine wahre Geschichte.

Sie handelt von einer besonders brutalen Form der Sklavenarbeit in der High-Tech-Moderne, von der blutigen Unterdrückung eines Streiks für menschliche Arbeitsbedingungen und von einer Entzauberung des Begriffs Globalisierung, der am Ende keineswegs mehr für die „Schöne eine Welt“ steht, auf der sich die Technokraten des Wettbewerbs immer weiter drehen wollen.

Das Polittheater Berliner Compagnie gastierte unter der Regie von Elke Schuster am Freitag, 3.12.2010 in der Waldorfschule Heilbronn.

Zur Veranstaltung lud die Heilbronner Attac-Gruppe ein, als Höhepunkt einer mehrwöchigen Veranstaltungsreihe, die sie zusammen mit Weltläden aus der Region, Gewerkschaften, Kirchen, Amnesty International, Hochschule und Volkshochschule Heilbronn, Kino und Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg organisiert hatte.

Der Inhalt des Stückes

Eine Textilfirma in Südostasien - die Geschichte hat sich ähnlich auf Ost-Java zugetragen - packt für den Umzug zusammen. Der Grund: die Situation in der von Militär bewachten „freien Produktionszone" wird brenzlig: hunderte Arbeiterinnen, die täglich für einen Hungerlohn und unter Lebensgefahr schuften, treten in Streik. Für den Fabrikdirektor (H.G. Fries) und seinen Produktionsleiter Zoff (Jean-Theo Jost) ist der Ortswechsel eine Fortsetzung des „Anything goes" - umgezogen sind sie schon zur Genüge: Seit Jahren marodieren sie von einer freien Produktionszone zur anderen. 

Aber dann taucht plötzlich eine junge Arbeiterin (Elke Schuster) auf. Sie sucht ihre Schwester, die seit drei Tagen vermisst wird und zuletzt gesehen wurde, als sie das Zimmer des Herrn Zoff betrat. Am selben Abend, erzählt die Arbeiterin, sei Militär auf das Gelände gefahren. Als die Soldaten fortfuhren, sei die Schwester in keinem der Jeeps gewesen. Die zweiköpfige Chefetage will den Störfall bagatellisieren, die Arbeiterin wird auf die Bürozeiten vertröstet, von der unmittelbar bevorstehenden Schließung der Fabrik erfährt sie nichts.  

Erst als die eigens aus Düsseldorf eingeflogene Geliebte des Direktors die mit verpackten Nähmaschinen verstellte Lagerhalle betritt, wechselt die Dramatik. Grit (Monika Bienert) war früher selbst Näherin, kommt von drüben und stand nach der Wende ohne Arbeit und Abfindung da. Menschen mit solcher Vergangenheit haben die Neigung zur Schicksalsgenossenschaft, und richtig: im Gespräch mit der aus dem Dunkel tretenden Arbeiterin wandelt sich Grit von der dümmlichen Touristenschnepfe („Eure Schönheit besteht in euren niedrigen Kosten") zur empörten Humanistin, die in ihrem Gatten und seinem Sklaventreiber nun die Ausgeburten erkennt, die sie sind. Übrigens eine starke Szene: Während die Arbeiterin im Detail erzählt, unter welchen Bedingungen die Frauen ihre Arbeit verrichten müssen, baut sie spalierartig die Umzugskisten zu einem Friedhof der Namenlosen auf.  

Das Schicksal der vermissten Schwester klärt sich schnell auf. Zoff, der „hungrige Tiger" mit der ewigen Pistole im Hosenbund, hat das Mädchen dem Militär ausgeliefert und der Sterbenden dann „den Gnadenschuss gegeben". Als die Arbeiterin mit den blutigen Kleiderresten ihrer Schwester in die Lagerhalle tritt, nehmen Zoff und sein Chef die Maschine. Die freie Produktion soll im Billigland Bulgarien fortgesetzt werden. Zurück bleiben Grit und die Näherin.  

Wie gesagt, die Geschichte ist wahr. Die 1993 ermordete indonesische Arbeiterfüherin Marsinah ist in ihrem Land zur Symbolfigur für den Kampf um Arbeiterrechte geworden. Die Berliner Compagnie hat aus dieser Geschichte eine bittere und ernste Parabel über das Missverhältnis von kapitalistischer Gewinnspanne und mit Füßen getretenen Menschenrechten geschrieben.
Die Leiche im Keller des Produktionsleiters ist die Leiche im Keller des Weltmarkts. Und was das Gewissen des Konsumenten angeht - hier die Frage des auf Gewinn orientierten Fabrikdirektors an den Theater besuchenden Endverbraucher:

Meinst du, wenn nicht hinter uns die Männer mit den Gewehren stünden, es gäbe einen Winterschlußverkauf bei euch?"

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