Tim Jackson

Wohlstand ohne Wachstum
Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt

(Zusammenfassung Januar 2012)

Wir stoßen an die Grenzen des Wachstums verursacht durch zunehmende Ressourcenknapp-heit, Umweltverschmutzung, Klimawandel und Bevölkerungswachstum. Unter diesen Bedin-gungen ist stetes Wachstum ein Mythos, der hinterfragt werden muss. Es ist die Aufgabe von Ökonomen, Regierungen und eine Herausforderung für unser Denken, auf welche Weise un-ser Wirtschaftssystem erneuert werden kann, damit wir den Anforderungen der Zukunft ge-recht werden. Dabei muss auch Wohlstand neu definiert werden: er ist mehr als die Befriedi-gung materieller Bedürfnisse, zu ihm gehört die Fähigkeit, als menschliche Wesen zu gedei-hen innerhalb der ökologischen Grenzen eines endlichen Planeten.

Die Wurzeln der Wirtschaftskrise sind nicht nur dem leichtsinnigen Verhalten des Bankensek-tors geschuldet, sondern dem Versuch aller Beteiligten durch wirtschaftspolitische  Maßnah-men  (systematisch eingesetzte Deregulierung – z.B. Federal Reserve unter Alan Greenspan) das Wirtschaftswachstum immer neu zu stimulieren. Dies führte zum Crash von 2008: der Markt wurde durch das Wachstum selbst zerstört. Daraus schließt Tim Jackson: Das Wachs-tumsmodell hat als System versagt, denn es nimmt keine Rücksicht auf Ressourcenverbrauch und Umwelt. Es kennt keine Nachhaltigkeit. Der Wohlstand von heute zerstört den Wohlstand von morgen.

Wohlstand hat nicht nur eine ökonomische Dimension, sondern auch eine gesellschaftliche, psychologische und ethische. Das BIP (Brutto-Inlandsprodukt) misst die Gesamtausgaben der Haushalte, des Staates und sämtliche Investitionen im Land und ist eine problematische Meßmethode: Nachweislich hängt weder die Lebenszufriedenheit von einem hohen BIP ab, noch werden ehrenamtliche Dienstleistungen oder Umweltverschmutzung berücksichtigt. Wohlstand sollte dem Menschen die Möglichkeit geben, sein Leben erfolgreich zu gestalten: er sollte für ausreichende Ernährung, für eine angemessene Lebenserwartung in Gesundheit und gesellschaftlicher Teilhabe sorgen können. Allerdings unterliegt die Freiheit, dafür sorgen zu können, Beschränkungen, die uns die Endlichkeit der Ressourcen und die Größe der Weltbevölkerung auferlegen.

Wie ist die konventionelle Behauptung zu bewerten, dass „Entkopplung“ von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch durch den Einsatz von effizienteren Produktionsprozessen, durch neu entwickelte Güter und Dienstleitungen ein Mittel sei um Wachstum zu reduzieren?

Technologischer Fortschritt treibt den Konsum an und damit das Wachstum. Hier tritt ein „Rückkopplungseffekt“ ein (der sog. Rebound Effect). Zum Überleben benötigen wir den technologischen Wandel (z.B. ökologische Investitionen in neue, globale Energiesysteme), aber eine Senkung von Ressourcenverbrauch und Emissionen genügen nicht. Wir müssen uns auch mit der Struktur der Marktwirtschaften auseinander-setzen.

Die kapitalistischen Volkwirtschaften basieren auf einer Wachstumsdynamik, deren Motor das Gewinnstreben ist, das immer neue Produkte und Dienstleistungen schafft. Dazu muss die Verbrauchernachfrage ständig angeheizt werden. Der Zwang zum Neuen ist Teil des Systems: die Haushalte sind der umworbene Markt, die Gesellschaft wird zur Konsum- und Wegwerf-gesellschaft. Der Besitz dieser Konsumgüter spielt eine symbolische Rolle in unserem Leben. Sie sind Stellvertreter unserer Träume und Sehnsüchte. Um davon wegzukommen, müssen sich die gesellschaftlichen Zwänge, d.h. unser Lebensstil, unser Wertesystem ändern. Wir brauchen eine neue Wirtschaftsstruktur.

Wie steht es um den Vorschlag, das Wachstum auf verträglichere Weise anzukurbeln? Dies ist die Idee des „Green New Deal“: Investitionen in Technologien, die die Herausforderungen von Ressourcenknappheit und Umweltproblemen aufgreifen. Grüne Investitionen und grüne Arbeitsplätze sollten gefördert werden, aber auch der Green New Deal setzt auf unbegrenztes Wachstum. Einige ökologische Ökonomen sehen eine Lösung in einem „neuen Motor des Wachstums“: Anstelle von materiellen Produkten solle man nichtmaterielle Dienstleistungen schaffen und verkaufen (dies meint nicht die uns bekannte Dienstleitungswirtschaft). Diese neuen Wirtschaftsaktivitäten könnten beispielsweise sein: Verkauf von Energiedienstleistun-gen statt Energie, von Mobilität statt Autos, von Fegen mit Besen statt Laubbläsern, von Sport, Unterricht, Gärtnern etc.. Wir wissen nicht, ob man damit soviel verdienen kann, dass das Wachstum der Volkswirtschaft erhalten bleibt oder ob dies zu einer „jurtenbasierten Wirt-schaft“ führt. Für Tim Jackson steht jedoch fest, dass wir das kohlenstoffarme Wirtschaften zur Grundlage unseres Wirtschaftssystems machen müssen. Im Ansatz finden wir es schon heute in örtlichen und gemeinschaftlichen sozialen Unternehmen wie kommunalen Energie-projekten, lokalen Bauernmärkten, Genossenschaften etc.. Formal zählen manche dieser Bereiche kaum zu den Wirtschaftsaktivitäten. Nach konventionellen Maßstäben bieten sie keine Leistung, sind kein Wachstumsmotor. Das Wachstum verlangsamt sich nach dieser Berechnung sogar. Bei persönlichen und sozialen Dienstleitungen sank die Arbeitsproduktivi-tät zwischen 1995 und 2005 um 3%, da sie auf menschlicher Arbeitskraft beruht. Daraus folgert T. Jackson, dass die makroökonomische Arbeitsproduktivität nur ein Fetisch ist, ein Rezept zur Aushöhlung von Arbeit, Gemeinschaft und Umwelt: die wachstumsbesessene, ressourcenintensive Konsum-wirtschaft akzeptiert nicht den Wert sinnvoller Arbeit durch Menschen. Sie untergräbt die Qualität der Leistung, die echte Werte schafft und eine sinn-stiftende Teilnahme am gesell-schaftlichen Leben ermöglicht. „Wir werden uns… von der stupiden Fixiertheit auf die Ar-beitsproduktivität verabschieden und dafür systematisch darüber nachdenken müssen, wie sich in kohlenstoffarmen Bereichen viele Arbeitsplätze schaffen lassen. Vor allem muss die neue Makroökonomie ökologisch und sozial ausgerichtet sein. Und sie muss Schluss machen mit dem Unsinn, Wirtschaft von Gesellschaft und Umwelt trennen zu wollen.“ (T.J.S.149)

Was spricht dafür, dass reiche Gesellschaften materiell weiterwachsen?

Unser Verständnis vom guten Leben bedeutet, dass uns eine breite Auswahl an  materiellen Gütern zur Verfügung steht. Wollen wir gesellschaftlich mithalten und wollen wir uns nicht als Versager begreifen, müssen wir das aktuellste Konsumangebot erwerben. In GB verdop-pelten sich die Einkommen seit den 70ern Jahren, aber die Zufriedenheit der Menschen nahm ab (ablesbar an zunehmender Vereinzelung, an wachsenden Scheidungsraten etc.). Es gibt in-zwischen in allen wohlhabenden Ländern Gruppen, aber auch Einzelne, die sich dem Kon-sumzwang entziehen und einem „alternativen Hedonismus“ zuwenden. Sie wollen mehr als arbeiten und Geld ausgeben um glücklich zu sein. Diese Gemeinschaften zeigen, dass ein frei-williger Verzicht das subjektive Wohlbefinden verbessern kann. Man kann sie als Vorreiter eines notwendigen sozialen Wandels sehen. Sie sind ohne staatliche Unterstützung auf private Vermögen angewiesen und bleiben deshalb eine Randerscheinung.

Der Staat sollte durch politische Maßnahmen die gesellschaftlichen Strukturen verändern: Er sollte falsche Anreize für nicht nachhaltigen Statuswettbewerb abbauen. Voraussetzung dafür wäre allerdings ein Abbau der sozialen Ungleichheit. Mögliche Ansatzpunkte wären die Ver-änderung der Lohnstruktur, Investitionen der öffentlichen Hand in die soziale Infrastruktur, Schutz der öffentlichen Güter vor privaten Interessen. Wir brauchen ein Regierungsmodell, das in unserer pluralistischen Gesellschaft einen gemeinschaftlich geteilten Wohlstand ermög-licht und das dafür sorgt, dass ein Gleichgewicht herrscht zwischen den Interessen der Einzel-nen und dem Gemeinwohl. Dieses „Regierungsmodell für den Wohlstand muss in aktiver Zu-sammenarbeit mit den BürgerInnen entstehen und muss mit ihnen für einen Wandel arbeiten.“ (T.J. S.173) Dabei müssen wir uns fragen: Wie viel Staat brauchen wir? Wie viele individuel-le Freiheiten, wie viel Allgemeinwohl sind uns zuträglich? Dies waren schon die Fragen, als sich „Staat“ bildete. Der Gesellschaftsvertrag bietet die philosophische Grundlage (Hobbes, Locke, Rousseau) zu diesen Überlegungen. Als gesichert kann gelten, dass Gesellschaften, die soziales Verhalten fördern, bessere Überlebenschancen haben.

„Befreit man die Makroökonomie aus den strukturellen Zwängen des Konsumwachstums, macht man gleichzeitig die Regierung für ihre eigentliche Rolle frei, nämlich für das Wohl der Allgemeinheit und der Umwelt zu sorgen und langfristige Interessen zu schützen.“ (T.J. S.174)

Wie könnte der Weg in ein nachhaltiges Wirtschaftssystem aussehen?

T.J. ist überzeugt, „eine andere Welt ist möglich“. Für die Umgestaltung der Gesellschaft be-nötigen wir eine Regierung, die einen breiten öffentlichen Dialog unterstützt um politische Strategien zu entwerfen. Seine Empfehlungen umfassen:

  • Festsetzung von Grenzen für Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung
  • Eine ökologische Steuerreform nach dem Prinzip „taxing bads not goods“
  • Unterstützung des ökologischen Wandels in den Entwicklungsländern
  • Reparatur des Wirtschaftsmodells (Neubewertung von Konsum, Investitionen und Beschäftigung)
  • Erarbeitung eines makroökonomischen Konzepts der Nachhaltigkeit.
  • Eine bessere Regulierung nationaler und internationaler Finanzmärkte
  • Ersetzen des BIP, das nicht mehr als volkswirtschaftliche Gesamtbewertung taugt durch ein neues Maß für dauerhaften Wohlstand, das auch Daten erfasst wie  Lebenserwartung, Bildungsteilhabe, Teilhabe am öffentlichen Leben.
  • Stärkung des Sozialkapitals – „nur belastbare soziale Gemeinschaften können wirtschaftlichen Turbulenzen widerstehen“.

Tim Jackson ist der Ansicht, dass dieser Änderungsprozess möglich, also keine Utopie ist.  Leider geht der Wandel nur zögerlich voran. Bisher weisen alle wirtschaftspolitischen Anrei-ze in die falsche Richtung. Weder die Politik noch die Öffentlichkeit haben bisher wahrge-nommen vor welcher Herausforderung wir stehen. Aber „Wohlstand ohne Wachstum“ ist nicht nur möglich, sondern eine finanzpolitische und ökologische Notwendigkeit.

TIM JACKSON leitet die Wirtschaftliche Führungsgruppe der Kommission für Nachhaltige Entwicklung, einem unabhängigen Beirat der britischen Regierung. Er ist Professor für Nachhaltige Entwicklung am Zentrum für Umweltstrategien der Universität Surrey. Auf dem Klimagipfel in Kopenhagen 2009 erregte sein Vortrag „Prosperity without Growth“ großes Aufsehen.

Sein Buch „Wohlstand ohne Wachstum – Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt“ wurde auf Deutsch 2011 von der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegeben (oekom verlag, München)

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