Menü

Mit der Zerstörung von Ökosystemen zerstören wir auch unsere Lebensgrundlage: Die Corona-Pandemie – Ursachen und gesellschaftliche Gegenstrategien. 8. Januar 2021

„…sollte ein zoonotischer Spillover* solch welterschütternden Ausmaßes uns vor Augen führen, dass die Verteidigung der wilden Natur gegen parasitäres Kapital mittlerweile einen Akt menschlicher Selbstverteidigung darstellt.“ (Andreas Malm, „Klima/x“)

Wir erleben in diesen Monaten eine für die große Mehrheit der Menschen völlig unerwartete Bedrohung der menschlichen Gesundheit, und eine daraus hervorgegangene globale Lähmung menschlicher Aktivitäten.
Auch Attac beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit diesem Thema, etwa in der aktualisierten Erklärung des KoKreis vom 12.11.2020.

Was auffällt beim Rezipieren dieser Debatten eben auch bei Attac: es wird breit über die notwendigen Maßnahmen zur Linderung der Corona-Folgen diskutiert, über den defizitären Zustand des Gesundheitswesens auch in Deutschland, über Sinnhaftigkeit, Transparenz und Legitimität des Regierungshandelns in der Krise, über die Ungerechtigkeit bei der finanziellen Unterstützung derjenigen, die durch „Lockdown“ in ökonomische Bedrängnis geraten. Aber sehr wenig wird über die eigentliche Ursache dieser neuen Pandemie diskutiert, aus welchen Gründen diese neue Plage über die Menschheit gekommen ist. Finanzminister Scholz spricht von einer Naturkatastrophe, und das ist für viele sicher eher eine beruhigende Deutung: die Natur bringt eben ab und zu solche Desaster hervor, die Menschheit kann dann nur versuchen, die Folgen möglichst zu kompensieren.
Zur psychologischen Bewältigung kann man versuchen, die schlechten Nachrichten einfach zu verdrängen, oder sie sogar als besonders tückische Lügenkampagne der Herrschenden zu interpretieren.

Es gibt durchaus nachvollziehbare Motive für die gesellschaftlich dominierenden Kräfte, die breite Debatte über die Mechanismen der Naturzerstörung, die nun diese neue Pest über die Menschen gebracht haben, zu scheuen. Im offiziellen Coronadiskurs werden die Ursachen von Corona in der kapitalistischen Ausbeutung und Zerstörung der Natur weitgehend totgeschwiegen.
Einige löbliche Ausnahmen gibt es: „ Die Wissenschaft sagt uns, dass die Zerstörung von Ökosystemen Krankheitsausbrüche bis hin zu Pandemien wahrscheinlicher macht. Das zeigt: Die Naturzerstörung ist die Krise hinter der Coronakrise.“ (Bundesumweltministerin Svenja Schulze). Dr. Sandra Junglen, Institut für Virologie, Charité Universitätsmedizin Berlin: „… Intensive Landnutzung, die Verbreitung von Monokulturen oder Rodungen von Wäldern führen zu einem Verlust der Artenvielfalt und verändern die Zusammensetzung der Säugetierpopulationen. Weniger Artenvielfalt bedeutet mehr Tiere einer Art im selben Lebensraum. Wenn das Ökosystem derart aus dem Gleichgewicht gerät, können sich Infektionskrankheiten besser verbreiten…“

Gut belegt ist bereits, dass circa 70 Prozent der menschlichen Infektionserreger ursprünglich aus dem Tierreich stammen, darunter das Humane Immundefizienz-Virus (HIV), Ebola, Influenza, Zika, Middle East Respiratory Syndrome (MERS), Coronavirus und Erreger des Schweren Akuten Respiratorischen Syndroms (SARS). Besonders ins Auge fiel die Gefahr von Übertragungen auf Wildtiermärkten, wo Menschen und unterschiedliche Tierarten auf engstem Raum zusammen kommen und die Tiere zusammengepfercht und unter hygienisch unhaltbaren Zuständen verwahrt werden. (Infektions-Ausbruch in Wuhan, VR China) – Professor Josef Settele , Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Department Biozönoseforschung: „Der weltweite Stand der Wissenschaft ist trotz offener Fragen eindeutig: Der Erhalt intakter Ökosysteme und ihrer typischen Biodiversität kann das Auftreten infektiöser Krankheiten generell reduzieren. Wir Menschen sind von funktionierenden, vielfältigen Ökosystemen abhängig. Mit der Zerstörung von Ökosystemen zerstören wir auch unsere Lebensgrundlage, wie die Corona-Epidemie zeigt.

Darum müssen wir uns gemeinsam für einen transformativen Wandel unserer Gesellschaft zum Schutz unserer Lebensgrundlagen einsetzen. Die Kernelemente eines solchen Wandels stellt der globale Bericht des Weltbiodiversitätsrats heraus. Es geht um nicht weniger als eine grundlegende, systemweite Reorganisation über technologische, wirtschaftliche und soziale Faktoren hinweg, einschließlich Paradigmen, Zielen und Werten."
Solche Forderungen gehen offensichtlich weit über den Schutz der kurativen Einrichtungen hinaus, sie beschränken sich nicht auf verbesserte Krankenbehandlung, sondern zielen auf einen tiefgreifenden Umbau des gesamten ökonomischen Gefüges, an dem die Besiedlungspolitik und eben auch die Nahrungsmittelproduktion einen entscheidenden Anteil hat. Wenn wir nicht diese ökonomischen Grundlagen der Entstehung von Pandemien in den Blick nehmen und bekämpfen, kommt die nächste Seuche ganz bestimmt.

Ursache der Pandemie ist die über Leichen gehenden Profitorientierung der kapitalistischen Ökonomie.

Aber ebenso wie gegen eine entschiedene Politik des Klimaschutz gibt es gegen einen wirksamen Schutz der natürlichen Lebensräume, sozusagen für ein friedliches Zusammenleben sogar mit den Mikroorganismen, machtvolle und finanzstarke Gegenkräfte. Dieses Feld der Auseinandersetzung müssen wir ebenso wie in der Klimapolitik beginnen politisch zu bearbeiten.

Aufgabe für attac als globalisierungskritische Organisation müsste es im Zusammenhang der Coronakrise deshalb an vorderster Stelle sein, die Ursache der Pandemie in der gnadenlosen, buchstäblich über Leichen gehenden Profitorientierung der kapitalistischen Ökonomie, insbesondere in der Agrarindustrie und in den Investmentfonds, die in diese investieren, zu benennen, die Konzernstrukturen mit ihren großenteils kriminellen Praktiken dahinter aufzudecken und die fatalen Folgen in Form einerseits der Pandemie(n), andererseits der Zerstörung der Lebensgrundlagen der ansässigen Menschen und Tiere, letztlich aber aller Menschen und des Lebens überhaupt zu skandalisieren. Das ist das, was attac als Kernkompetenz zugerechnet und von ihr/ihm im politischen Raum erwartet wird. Was nicht heißt, dass all die anderen Aktivitäten und Beteiligungen an Bündnissen zum Gesundheitswesen, zur Verkehrswende etc. nicht wichtig wären. Aber sie reichen nicht aus, um attac im politischen Raum sichtbar, hörbar und wirksam zu machen.

Was wir brauchen ist eine fundierte Kritik der kapitalistischen Wirtschaftsweise, bei Corona speziell im Agrarsektor und den damit zusammenhängenden Finanzmarktstrukturen, der imperialen Lebensweise mit jeden Tag ein Steak oder Hamburger auf unseren Nord-Westlichen Tellern (Wald wird v.a. für Tierfutter und Palmöl abgeholzt bzw. -gebrannt) und ein Aufzeigen der Ansätze einer anderen Wirtschafts- und Lebensweise, die sich nicht um Profit, sondern um Sorge für Mensch und Natur zentriert: "Eine andere Welt ist möglich!". Und damit präventive Umwelt-Gesundheits-Politik statt ausschließlich kurative Linderung und globale Quarantäne!

Oder mit den Worten des slowenischen Philosophen Slavoj Zizek: "Der Kampf gegen das Corona-Virus kann nur als Teil eines viel grundsätzlicheren, ökologischen Kampfes geführt werden." (Kultur-zeit/3sat 9.12.20, zu seinem gerade erschienenen Buch "Pandemie!", Passagen).
Nur wenn es uns gelingt, die Coronakrise als aus der gleichen kapitalistischen Produktions- und Lebensweise wie die Klima-, die Biodiversitäts- und die Flüchtlingskrise entstanden deutlich zu machen, kann es uns auch gelingen, den Verschwörungsmythen der Coronaleugner*innen den Boden zu entziehen.
Auch wenn die Idee einer Verschwörung von Bill Gates und der Pharmaindustrie als Ursache von Corona die realen Abläufe verfehlt, sind doch mächtige Konzerninteressen der Agrarindustrie, der Bergbauindustrie, der Digitalindustrie und der großen Investmentfonds an der für Corona ursächlichen Zerstörung der Natur beteiligt und die Pharmaindustrie als eine der nach Rüstungs-industrie, Drogen- und Menschenhandel profitabelsten und korruptesten Industrien an dem Verkauf von Medikamenten zur Bekämpfung solcher Pandemien. Auch hat die These, wir lebten in einer Diktatur statt einer Demokratie, insofern ein Fundamentum in re, als die parlamentarische Demokratie tatsächlich eine kastrierte, wesentlich auf eine pauschale Stimmabgabe alle 4 Jahre beschränkte Demokratie ist, die den Wähler*innen kaum Einfluss auf konkrete Entscheidungen lässt, welche dagegen faktisch zu einem großen Teil in den Hinterzimmern des politischen Betriebs unter Einflussnahme der Interessen der Großkonzerne auf die politischen Entscheidungsträger zustande kommen.

Nur wenn wir den Fokus auf diese systemischen Ursachen der Coronakrise (wie von Klima- und anderen Krisen) und damit auf die Notwendigkeit kollektiver Lösungen zu ihrer Bekämpfung legen, können wir auch die Halt- und Wirkungslosigkeit der radikal-individualistischen, äußerst kurzsichtigen Freiheitsvorstellungen der „Querdenkenden“ deutlich machen, die letztlich den neoliberalen, die globalisierte Zerstörung von Mensch und Natur ermöglichenden und befördernden, Vorstellungen von Freiheit nachgebildet sind: als Freiheit, ohne Rücksicht auf Verluste auszubeuten, anzueignen und zu konsumieren, was ICH will, unter möglichst freier Entfaltung der Marktkräfte und weitgehender Zurückdrängung des Staates.

An die Stelle solch individualistischer Strategien wie "Wie stärke ich mein Immunsystem?" müssen kollektive Strategien der Stärkung des "Immunsystems" der Natur und der Gesellschaft gesetzt werden, indem die politischen Regulierungen zur Eindämmung des Raubbaus an Wäldern, Böden, Wasser, menschlicher Arbeitskraft und Gesundheit gestärkt werden und letztlich eine andere Produktions- und Lebensweise als konkret möglich beschrieben wird, die statt auf Profit und der dafür notwendigen Ausbeutung von Mensch und Natur auf Fürsorglichkeit, der Hege und Pflege von Mensch und Natur, aufbaut.

Da Verschwörungsmythen sozialpsychologisch ihre Wurzeln häufig in Angst und Verunsicherung haben, die sie mit einfachen Erklärungen bannen wollen, welche aber in der Coronakrise und den krisenhaften Entwicklungen davor seit Beginn der neoliberalen Wende vor 30 Jahren, kulminierend in der Finanzkrise 2009, reale Fundamente haben in Form von Prekarisierung, wachsender sozialer Ungleichheit, sozialer Ent-Sicherung und autoritärer Einschränkung von Demokratie, hilft es mehr, diese realen Fundamente aufzuzeigen, als die Verschwörungsideen einfach als irrational und paranoid abzutun. Dabei kann auch der Verweis auf fundierte, kritische Berichterstattung und Analysen zu den Hintergründen von Naturzerstörung, Finanzmarktinteressen und Konzernstrategien helfen, die etwa in den öffentlich-rechtlichen Sendern wie arte, 3sat, ARD und ZDF, gezeigt werden, allerdings meist zu so später Stunde, dass kein*e Normalberufstätige*r das mehr sehen kann; eine der vielen Strategien, die Medien nicht im Sinne von wirklicher Massenaufklärung zu nutzen, was mit der These von den nur Fake-News verbreitenden Medien auch verzerrt, aber nicht ganz grundlos, versucht wird zu fassen (zur Ambivalenz der Strategien der öffentlich-rechtlichen Medien s. das jüngste Video von Rezo dazu).

*spillover=Übertragungseffekt

(Margareta Steinrücke und Matthias Jochheim)


Protokoll Virtuelles Treffen der Attac AG ArbeitFairTeilen

Digitales Treffen am 11. Dezember 2020

Anwesend: Margareta, Jutta, Rena, Ulla, Stephan, Herbert; Ingrid, Andreas, Ralf, Philipp und Richard hatten sich kurzfristig entschuldigt.

TOP 1: Aktuelle Bestandsaufnahme Arbeitszeitdebatte

Wir haben uns über jüngere Entwicklungen in den Gewerkschaften ausgetauscht; bei der IG Metall der Tarifvertrag zusätzlicher freier Tage, jetzt das Bemühen um die Vier-Tage-Woche; bei Verdi z.B. Tarifabschlüsse zu Zeit statt Geld bei der Post und beim TÜV, zu 14 Tagen Verfügungszeit bei der Telecom und dem Versuch in den Tarifverhandlungen im öffentlichen Nahverkehr zu einer Vereinheitlichung der Arbeitszeiten in den 16 Bundesländern mit Fernziel Einstieg in die 35Stundenwoche zu kommen, ebenso bei der EVG die 3. Tarifrunde in Folge Zeit statt Geld-Option (von 60% gewählt) – und das alles gegen härteste Widerstände und des Arbeitgeberlagers und mancher Regierungen wie der CDU/FDP-Regierung in NRW. Die Produktivitätsschübe von Digitalisierung und KI verlangen ebenso wie die Abwendung des Klimakollaps eine radikale Arbeitszeitverkürzung. Die Arbeitgeber versuchen den Arbeitstag zu verlängern und das Wochenende in die Regelarbeitszeit einzubeziehen – Corona als Begründung missbrauchend.

Die Erfahrungen von Kurzarbeit sind differenziert zu bewerten – einerseits sind sie ein schlagender Beleg für die arbeitsplatzsichernde Kraft von Arbeitszeitverkürzung, gleichzeitig fällt der Lohnausgleich von anfangs 60 bzw. 67% (mit Kind), ab 4. Monat 70/77%, ab 7. Monat 80/87% insbesondere für Geringverdienende viel zu niedrig aus.
Andererseits wirkt sie Angst verbreitend und Produktivität steigernd, aber auch Lust machend auf mehr eigene Zeit.

Aus dieser Erfahrung ist ein positiver Ansatz für kollektive Arbeitszeitverkürzung in der Krise zu entwicklen, wenn im nächsten Jahr Entlassungen und Insolvenzen auf die Tagesordnung kommen werden, der nur in Richtung einer Kurzen Vollzeit (ob als 4Tage- oder 32/30/28Stunden-Woche) mit vollem Lohnausgleich mindestens für die unteren und mittleren Lohngruppen gehen kann.

TOP 2: Unser europäisches Netzwerk

Margareta informierte über die sehr gelungene europäische Netzwerkveranstaltung und die Unterstützung durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Am 22./23.10.20 fand online die Konferenz "Working time reduction and climate crisis" des European Network for the Fair Sharing of Working Time statt, an dessen Organisation die AG ArbeitFairTeilen von attac-D (in Person von Margareta und seit einiger Zeit Philipp Frey vom Karlsruher Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse) zusammen mit dem Réseau Roosevelt aus Frankreich maßgeblich beteiligt ist. Bei ca. 100 Mitgliedern aus 15 europäischen Ländern gab es ca. 230 Anmeldungen und die Diskussion war ein voller Erfolg. Insbesondere weil es gelungen ist, die jüngsten Initiativen zur Arbeitszeitverkürzung, insbesondere die der IG Metall, in den Fokus zu rücken und Forscher*innen und Praktiker*innen aus Postwachstumstheorie, Green New Deal, Gewerkschaften, Fridays For Future und 4Days-Week Campaign in GB zusammenzubringen und gemeinsam über Strategien
nachdenken zu lassen, den Kampf gegen den Klimawandel und für die Arbeitszeitverkürzung zusammenzuführen. Es wird Anfang 2021 eine Dokumentation geben. Bereits jetzt sehr instruktiv ist der European
Newsletter on Working Time, den das Netzwerk mit Unterstützung der RLS herausgibt.Die 7. Folge ist gerade erschienen; jede*r, dem/der das (leider bisher nur) Englisch keine allzu große Mühe bereitet, sollte
ihn abonnieren.

Problem des Netzwerks ist die fehlende Man/Womanpower. Adrien Tusseau vom Réseau Roosevelt, der den weit überwiegenden Teil der Vorbereitung, Organisation und Dokumentation der Konferenz geleistet hat, ist ab 15.11.20 voll berufstätig, sodass wir uns andere Formen der personellen Unterstützung überlegen müssen. Freiwillige vor! Wir denken über eine studentische/wissenschaftliche Hilfskraft an einer der das Netzwerk unterstützenden Wissenschaftseinrichtungen in Frankreich nach. Dafür könnte die AG ArbeitFairTeilen vielleicht einen finanziellen Anteil leisten. Die RLS und auch das ETUI (Europäisches
Gewerkschaftsinstitut), das das Netzwerk erfreulicherweise jetzt auch unterstützen will, können keinerlei Personalkosten, sondern nur Projektkosten beisteuern.


TOP 3: Arbeitszeitverkürzung in der sozial-ökologischen Transformation

Bei allen Projekten und Kämpfen zur Energie- und Mobilitätswende spielt die Arbeitszeitverkürzung eine wesentliche Rolle. Das eröffnet uns die Chance, das Thema innerhalb von Attac und darüber hinaus populär zu machen. attac hat sich die Sozialökologische Transformation zum Schwerpunktthema gesetzt, und die Verkehrs- bzw. Mobilitätswende zur 1. Kampagne "Einfach.Umsteigen" darin. Arbeitszeitverkürzung spielt in der SÖT an drei Stellen eine systematische Rolle: die für die Einhaltung des Pariser Klimaziels von 1,5° notwendige Einsparung von Treibhausgasemissionen ist nur mit einer Arbeitszeit von in Deutschland ca.10 Stunden pro Woche zu haben; eine just transition, d.h. die Bereitstellung von Arbeitsplätzen für die Beschäftigten in den klimaschädlichen Industrien, die ihre alten verlieren müssen, lässt sich nur mithilfe einer einschneidenden Arbeitszeitverkürzung in allen Branchen realisieren (flankiert von Umschulungsprogrammen und Konversionsstrategien); Zeitwohlstand statt Geld- und Konsumwohlstand muss die neue "Leitwährung" einer notwendigen Postwachstumsgesellschaft werden. Zu manchen dieser Aspekte haben wir in attac schon einiges eingebracht (in der Corona-Webinarreihe, im neuen Erklärvideo zu
Arbeitszeitverkürzung, in den Diskussionen des attac-Rats zur SÖT und z.Z. zu einem linken Green New Deal).

Aber diese Gelegenheiten können wir zu wenig nutzen, da wir in der AG ArbeitFairTeilen schlicht zu wenige sind. Insbesondere jüngere Personen werden viel mehr gebraucht. Eventuell hängt das mit unserer
Arbeitsweise zusammen?

Das führt zum TOP 4.

TOP 4: Was tun - wie nutzen wir das Fenster der Möglichkeiten?

Derzeit hat das Thema Arbeitszeitverkürzung Konjunktur, einerseits durch die IG Metall, andererseits auch im politischen Raum (Katja Kipping und Bernd Riexinger/Linke, Serpil Midyatli/SPD, Sanna Marin/Ministerpräsidentin Finnlands, Jacinta Ardern/Ministerpräsidentin Neuseelands u.a.), und die erwartbare Arbeitsplatzvernichtung im Gefolge von Corona in 2021, aber auch der fortschreitenden
Digitalisierung und Automatisierung, ebenso wie die Wünsche der Menschen nach besserer Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, seelischer Gesundheit und mehr Zeitwohlstand eröffnen Möglichkeiten,
unsere Idee einer Kurzen Vollzeit um die 30 Stunden pro Woche für alle endlich breit in die öffentliche Diskussion zu bringen.

Deshalb können und wollen wir innerhalb und außerhalb von Attac auf unser Projekt aufmerksam machen.

Konkret wollen wir Bildungsmaterial für lokale Gruppen entwickeln, evtl. in Kooperation mit den dafür zuständigen Kolleg*innen beim attac-Bundesbüro, und eine Plakat-Kampagne starten. Wer dazu Vorschläge
und Ideen hat, bitte per Mail an Stephan Krull.

Das nächste Treffen ist am 12. März 2021, 17 Uhr, auf jeden Fall wieder digital.

Verweise

1. stephan@krullonline.de


Attac AG ArbeitFairTeilen: Die 4-Tage-Woche jetzt durchsetzen, Kurze Vollzeit für alle!

31. August 2020

Attac AG ArbeitFairTeilen: Die 4-Tage-Woche jetzt durchsetzen, Kurze Vollzeit für alle!

Der Vorsitzende der IG Metall hat die 4-Tagewoche als Option mit einem gewissen Lohnausgleich in die Diskussion gebracht.

Wir begrüßen diesen Vorschlag und unterstützen ihn in seinen wesentlichen Teilen. Ihn durchzusetzen, braucht es jetzt eine große gesellschaftliche Kampagne, für die die Grundlagen schon gegeben sind: Parteien wie die SPD, Die LINKE und die Grünen, auch der Arbeitnehmerflügel der CDU, treten für Arbeitszeitverkürzung ein. Die Forderung nach einer radikalen Arbeitszeitverkürzung wird unterstützt von kirchlichen Arbeitnehmer*innengruppen, von Arbeitsmediziner*innen, kritischen Wirtschaftswissenschaftler*innen, Jugendverbänden, Fraueninitiativen sowie der Umwelt- und Klimabewegung.

Es geht dabei nicht nur um Vollzeitbeschäftigte in der Metallindustrie, auch um die Erwerbslosen, die prekär Beschäftigten, die schlecht entlohnten Beschäftigten, überwiegend Frauen, in vielen Dienstleistungsbereichen, im Bildungs- und Gesundheitswesen. Eine radikale Arbeitszeitverkürzung auf durchschnittlich vier Tage pro Woche, eine faire Verteilung der Arbeit verbessert die Verhandlungs- und Machtposition der Beschäftigten und ihrer Gewerkschaften in allen Wirtschaftsbereichen.

Es geht auch nicht nur um Arbeit, sondern gleichermaßen um unsere Umwelt, um den Output unserer Arbeit. Ständige Produktivitätssteigerungen trotz gleichbleibendem Arbeitsumfang führen bei einer endlichen Welt zur Erschöpfung der Ressourcen und zu einer Überlastung der Natur einschließlich des Klimas. Nicht alles kann und muss weiter wachsen. Ein gutes Leben für alle erfordert nicht mehr Produkte, sondern mehr frei verfügbare Zeit.

Eine Wende in der Arbeitszeitpolitik?

Bei vielen Menschen und Aktiven in den sozialen Bewegungen wurde die Vorfreude auf eine Wende in der gewerkschaftlichen Arbeitszeitpolitik geweckt: Die Abkehr von individuellen und einzelbetrieblichen Lösungen hin zu kollektiven Kämpfen und Ergebnissen. Es scheint nun aber doch so, dass der Vorschlag nicht auf eine tariflich geregelte, kollektive Verkürzung der Wochenarbeitszeit zielt. Der Vorbereitungskreis „Offensive Gewerkschaftspolitik“ schreibt dazu: „Er scheint darauf zu zielen, betrieblich und im Einvernehmen mit den Arbeitgebern – wenn Kurzarbeit nicht mehr möglich ist – im Wege einer Betriebsvereinbarung die Arbeitszeit weiter zu verkürzen.“

Dann wäre der Vorschlag nicht mit einer gesellschaftlichen Kampagne verbunden. Es wäre die Chance vertan, andere Gewerkschaften, die sozialen Bewegungen, die emanzipatorische Frauenbewegung und viele andere in diese längst notwendige Kampagne einzubeziehen. Es wäre die Chance vertan, die Kampagne für die Vier-Tage-Woche in ein dringend erforderliches Transformationskonzept einzubinden. Nur so kann den Menschen die Angst vor sozialem Absturz genommen werden.

Arbeitszeitverkürzung statt Kurzarbeit und Erwerbslosigkeit!

Es ist schon sichtbar, dass die Krise, die lange vor Corona begann, tiefgreifende Wirkungen haben wird. Trotz Kurzarbeitergeld (was ja auch für Arbeitszeitverkürzung genutzt wird), ist absehbar, dass im Frühjahr 2021 die Situation vieler Betriebe und Beschäftigter sehr schwierig sein wird. Kurzarbeit, Personalabbau (Entlassungen), Betriebsschließungen, Insolvenzen und hohe Arbeitslosigkeit werden die ganze Gesellschaft vor der Bundestagswahl 2021 beschäftigen. Ohne breite gesellschaftliche Unterstützung wird die Gewerkschaft den Kampf nicht gewinnen können, zumal die Arbeitgeber und ihre Freunde eine aggressive Kampagne gegen die Arbeitszeitverkürzung fahren werden. Die gesellschaftliche Unterstützung kann nur erreicht werden, wenn mutig gesellschaftliche Grundfragen gestellt werden, die die Menschen bewegen. Die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung auf durchschnittlich vier Tage in der Woche zur Arbeitsplatzsicherung, zum Abbau von Belastungen, zur fairen Teilung aller Arbeit, zum Schutz von Umwelt und Klima und für ein gutes Leben für alle ist ein solcher Schritt, der seine Fundierung und Ergänzung in einer Anpassung des Arbeitszeitgesetzes auf maximal 40 Stunden pro Woche finden sollte.

Attac AG ArbeitFairTeilen: Kurze Vollzeit für Alle! Arbeitszeitverkürzung jetzt!

Stephan Krull und Margareta Steinrücke; www.attac-netzwerk.de/ag-arbeitfairteilen/startseite/ sowie

http://www.arbeitszeitverkuerzung-jetzt.de/home.html


Attac-AK arbeitfairteilen Protokoll des Treffens am 28.10.2018 in Erfurt


Buchvorstellung: Mohssen Massarrat Braucht die Welt den Finanzsektor?

Mohssen Massarrat

Braucht die Welt den Finanzsektor?

Postkapitalistische Perspektiven

304 Seiten | 2017 | EUR 24.80

VSA-Verlag
ISBN 978-3-89965-725-8

 Der gegenwärtige Finanzsektor ist für die wachsende Einkommensungleichheit und viele anderen Miseren in der Welt maßgeblich verantwortlich. Hat er aber überhaupt positive Funktionen für die Menschheit?

 Die Krise seit 2008 hat eindrucksvoll die Dominanz des Finanzmarktes bewiesen. Ist es vermessen zu sagen, dass die Menschheit mit einer neuen Formation des Kapitalismus konfrontiert ist. Sie unterscheidet sich auf jeden Fall grundsätzlich von dem Kapitalismus, den Marx seinerseits analysierte.

In der klassischen Analyse wurde Macht als eine selbstständige Kategorie vernachlässigt. Sie ist jedoch für das Verständnis der Geschichte des Kapitalismus, aber auch der Gegenwart, zentral. Die krankhaft irrationale Reichtumskonzentration unserer Zeit ist das Ergebnis einer unvorstellbaren Machtakkumulation.

Der Autor arbeitet die Bedeutung der Macht an Hand der kapitalistischen Entwicklung seit der Industrialisierung heraus. Er zeigt, wie sehr Macht als verborgene Hand der Reichen und Herrschenden den Inhalt und die Ausrichtung kapitalistischer Gesellschaften in ihrem Interesse bestimmt. Imperialismus und Finanzmarktkapitalismus können so als Resultat der Verschmelzung von Macht und kapitalistischer Maschinerie präziser analysiert werden.

Während das Kapital die Grundlage der Wertschöpfung darstellt, übernimmt Macht in der kapitalistischen Geschichte wie ein roter Faden die Funktion der Umverteilung von den Besitzlosen zu den Vermögenden, von den armen zu den reichen Gesellschaften. Im Finanzmarktkapitalismus ist unter der Regie des Neoliberalismus der Versuch erkennbar, die Massenarbeitslosigkeit, den Verschuldeten Staat, den Sozialabbau und die Vermögenskonzentration strukturell zu institutionalisieren. ...

http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/maechtiger-reichtum/


Neues E-Book „Wohlstand der Zukunft“ – JETZT ZUM GRATIS DOWNLOAD

blog.arbeit-wirtachaft.at

Sylvia Kuba, 1. Mai 2017

Unser neues E-Book ist da. Unter dem Titel „Wohlstand der Zukunft.
Investitionen für eine sozial-ökologische Wende“ sucht es nach Antworten auf
die komplexen (wirtschafts-)politischen Herausforderungen unserer Zeit. Ab
sofort steht es hier für euch zum Download bereit. Mehr zum Buch hier:

http://blog.arbeit-wirtschaft.at/ebook-wohlstand/.