Kurze Vollzeit für alle!

Die AG Sozialpolitik von Attac Hamburg hat sich entschlossen, das Thema „Arbeitszeitverkürzung – 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich“ zu bearbeiten und dabei mitzuwirken, die Notwendigkeit von Arbeitszeitverkürzung wieder stärker in der Öffentlichkeit zu verankern.

Betrachtet man die Geschichte der Arbeitszeit in Deutschland und anderswo, so stellt man fest, dass die Forderung nach ihrer Verkürzung und die Abwehr der ständigen Tendenz zu ihrer Verlängerung stets im Blickpunkt der (alten) Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften standen. Der 8-Stunden-Tag wurde dann am Ende des 1. Weltkriegs in einer Phase relativer Schwäche von Kapital und Obrigkeit durchgesetzt. Als Letztere während der Zeit der Weimarer Republik wieder erstarkten, wurde die Arbeitszeit für viele Menschen erneut verlängert. Zu Zeiten der alten Bundesrepublik konnten die Gewerkschaften erhebliche Erfolge bei der Arbeitszeitfrage verbuchen. Bereits in den 50er Jahren führte der DGB eine erfolgreiche Kampagne für den arbeitsfreien Samstag („Samstags gehört Vati mir“), die zwar keine gesetzliche, aber doch die tarifliche Verankerung des freien Wochenendes durchsetzen konnte. Unerwartete Schützenhilfe kam von den Besatzungsmächten, vor allem den USA, wo es die 40-Stunden-Woche schon gab und kein Interesse bestand, dem deutschen Kapital arbeitszeitliche Vorteile in der Weltmarktkonkurrenz zu überlassen. Noch in den 80er und 90er Jahren gelang es der IG Metall und der IG Druck und Papier, die 35-Stunden-Woche in mehreren Schritten zu erstreiten. Der Kampf geriet jedoch ins Stocken, weil es Spaltungen in den Gewerkschaften gab, insbesondere konnte das Lohninteresse gegen das Interesse an kürzeren Arbeitszeiten ausgespielt werden.

Die mühsam errungenen Kompromisse und der wirksame Einsatz dieser Spaltungen durch die Kapitalvertreter schwächten die Abwehr der in der Folgezeit zunehmenden Arbeitsverdichtung. Die Hoffnung auf adäquaten Personalausgleich erfüllte sich nur begrenzt. Heute klagen zahlreiche Arbeitnehmer über Überstunden, verlängerte Arbeitszeiten und Arbeitsverdichtung. Entscheidende Voraussetzungen für diese Entwicklung waren die Schwächung der betrieblichen Basis durch den Einsatz und die Zulassung von Spaltungen im Arbeitszeitkampf durch Gewerkschaftsführungen und der zunehmende Druck durch die in den 70er Jahren aufkommende und seitdem anhaltende Massenarbeitslosigkeit.

Was ist das einigende Band zwischen den verschiedenen Abteilungen der Lohnarbeiter in ihrem Kampf um Arbeitszeitverkürzung? Manche stellen sich vor, dass die einen – die Beschäftigten – weniger arbeiten wollen und sich für die anderen – die Arbeitssuchenden – solidarisch einsetzen, damit auch diese einen Arbeitsplatz erhalten. Sicher wird auch in den Betrieben so gedacht. Aber eine Verteilung der Arbeit auf viele bis alle Schultern hat für die Arbeitsplatzinhaber noch einen entscheidenderen Vorteil: Ihr eigener Arbeitsplatz und damit ihr Einkommen wird erheblich sicherer, was für die meisten Arbeitnehmer ein stärkeres Argument sein dürfte als zum Beispiel die Vermeidung gesundheitlicher Gefahren, die durch hohen Stress drohen. Der Arbeitssuchende sucht in erster Linie ein Einkommen und nicht Arbeit und der Beschäftigte will nicht in erster Linie seinen Arbeitsplatz erhalten, sondern sein Einkommen. Einkommen für alle ist die gemeinsame starke Losung.

Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit durch Umverteilung der vorhandenen Arbeit dient allen Interessen: dem Einkommensinteresse, dem Interesse an gesellschaftlicher Teilhabe, der gesellschaftlich verstandenen Pflegearbeit, dem aufrechten Gang im Betrieb, der Gesundheit.

Kann man überhaupt davon sprechen, dass das Problem der Massenarbeitslosigkeit, die auch verdeckt in unfreiwilliger Teilzeitarbeit zu finden ist, von der Politik angegangen wird? Der Kapitalseite kommt es schließlich nicht gerade ungelegen, wenn es ein Reserveheer von Arbeitslosen gibt und dadurch die Löhne und Gehälter niedrig gehalten werden können. Der Zusammenhang zwischen Verkürzung der Arbeitszeit und vermehrter Beschäftigung liegt aber klar auf der Hand: Die Zeit der Vollbeschäftigung in Deutschland, die Anfang der 70er Jahre endete, wäre ohne die oben angesprochenen durchgesetzten Verkürzungen der Arbeitszeit schon früher zu Ende gegangen (vgl. Bontrup/Niggemeyer/Melz: Arbeitfairteilen).

Es ist davon auszugehen, dass die Arbeitslosigkeit beständig ansteigen wird, wenn keine entscheidenden Schritte dagegen unternommen werden. Dafür wird schon die fortwährend steigende Produktivität sorgen, die eine immer stärkere Automatisierung mit sich bringt und damit eine Wirtschaft schafft, die immer weniger menschliche Arbeitskraft benötigt. Doch gerade durch die enorm gesteigerte Produktivität ist es möglich, die Arbeitszeit drastisch zu verringern. Eine Verringerung der Arbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche scheint uns deshalb in den kommenden Jahren realistisch.

Arbeitszeitverkürzung hat viele Facetten. Auf der Hand liegt ein Zusammenhang zwischen Überarbeitung und einem Anstieg stressbedingter Krankheiten. Auch zur besseren Arbeitsverteilung zwischen den Geschlechtern könnte die 30-Stunden-Woche viel beitragen. So sind zum Beispiel überproportional viele Frauen in Minijobs beschäftigt: 3,2 Mio. von insgesamt 4,8 Mio. Minijobs entfallen auf Frauen (Hans-Böckler-Stiftung). Seit Jahrzehnten fordert die Frauenbewegung eine Anerkennung der vor allem bei den Frauen liegenden häuslichen Pflege als Arbeitszeit. Auch hier besteht dringender Bedarf nach Umverteilung von Arbeit.

Selbstverständlich werden die Gegner alle erdenklichen Widerstände gegen ein solches Vorhaben mobilisieren. Wir sind uns bewusst, dass die Kräfteverhältnisse im Moment so beschaffen sind, dass die Gegner von Arbeitszeitverkürzung bzw. überhaupt von sozialen Verbesserungen in der Übermacht sind. Leider erleben wir, dass die Gegner nicht nur in den Reihen von Arbeitgeber und Kapital sitzen, sondern auch in den großen Gewerkschaften zu finden sind. Nach wie vor sind aber die Gewerkschaften und die betrieblich organisierte Arbeitnehmerschaft die wichtigsten Akteure in Sachen Arbeitszeitverkürzung.

Attac und andere Organisationen können dazu beitragen, das Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen, und damit eine wichtige unterstützende Rolle übernehmen. Wenn es aber um die Durchsetzung geht, sind gewerkschaftlich organisierte Kräfte unerlässlich, denn man wird um Streiks nicht herumkommen. Deshalb sind Gewerkschaften die entscheidenden Akteure. Wir können eine Rolle als Bündnispartner innehaben, deshalb ist es unser nächstes Ziel, die Frage von Arbeitszeitverkürzung wieder in die Gewerkschaften und auf die Straße zu tragen. Andere mögliche Bündnispartner könnten Sozialverbände, kirchliche Gruppen, politische Parteien, linke Gruppierungen etc. sein.

Tragen wir also unsere Forderungen wieder in Betriebe, Gewerkschaften und Gesellschaft! Knüpfen wir an die Kämpfe und Erfolge der alten Bewegungen an! Wir sind uns bewusst, dass sich die Bedingungen im globalisierten Kapitalismus und auch in den Gewerkschaften verändert haben, wissen aber, dass dieses Anliegen der Arbeitskräfte nichts an Aktualität und Notwendigkeit verloren hat. Arbeitszeitverkürzung gehört wieder auf die Tagesordnung! Eine andere Welt ist möglich!

 

Hamburg, April 2014

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