Dezember 2016 - Ulrich Kammer:

Auszug aus den Erinnerungen und Stellungnahmen eines 2016 Neunzigjährigen:

Antisemitismus heute

Bis zum Beginn des neuen Jahrtausends identifizierte ich Israel als Staat mit allem Jüdischen. Erste Zweifel vermittelte mir mein Bruder Otto als Mitglied der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft. Im Jahr 2008 erfuhr ich von Ilan Pappes Buch "Die ethnische Säuberung Palästinas". Pappe hatte in Israel frei gewordenes Archivmaterial sorgfältig mit Zeitzeugenberichten verglichen. Ergebnis: Zionistische Sonderkommandos haben ab 1947 noch vor dem 48-er Krieg und der Staatsgründung und erst recht im Verlauf des Jahres 1948 planmäßig um die 750.000 palästinensische Araber aus 531 Dörfern und 16 Städten vertrieben. In der arabischen Welt wird dieser Vorgang als "nakba" = Katastrophe bezeichnet. Um die Spuren zu beseitigen, wurden die verödeten Dorfflächen aufgeforstet, von denen man uns 1967 erzählt hatte, das sei vorher unbebautes Ödland gewesen. Das spielte sich weitestgehend unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit ab, die größtenteils nach 1945 erst Kenntnis der von den Deutschen begangenen Gräuel erhielt. Fixiert starrte die Welt auf die deutschen Verbrechen. Was tatsächlich in Palästina vorging, interessierte nicht. Das offizielle Israel behauptete, die Kriegsgegner Israels hätten die arabischen Palästinenser zum Verlassen ihrer Wohnstätten aufgefordert, in die sie nach Vertreibung der Juden zurückkehren sollten. Diese Version wird trotz Pappes Forschungen noch heute durchweg geglaubt. Doch hatte schon vor Pappe der Altzionist Simha Flapan in den 80er Jahren die Unwahrhaftigkeit der offiziellen Fluchtbegründung erkannt. Sein kritisches Buch war sehr bald vergriffen. Tatsache ist: Schon seit Beginn der zionistischen Bewegung stieß unter den westeuropäischen Juden eine massenhafte jüdische Ansiedlung in Palästina auf Ablehnung, weil sie nur durch Vertreibung der dortigen Landbewohner erreichbar war, z.B. steht auf Seite 65 des Tagebuchs von Viktor Klemperer unter dem 2. Nov. 1933 eine kurze Notiz:  "Indianerschicksal"-  so sagt Eva Klemperer, als ihr Mann äußert, er sympathisiere mit dem Widerstand der Araber gegen jüdische Landnahme.

Die neuen israelischen Historiker erklärten das zionistische Projekt seit der Balfour-Deklaration von 1917 als spätkolonialistisch, in einer Zeit, in der der europäische Kolonialismus noch nicht ins Wanken geraten war, aber seinen Höhepunkt schon überschritten hatte. Ich las Israel gegenüber kritische Bücher von Shlomo Sand und Norman Finkelstein. Ferner bietet das Internet laufend kritische Informationen.

Scharf rechnet mit dem Zionismus der jüdische Psychologieprofessor Rolf Verleger aus Lübeck ab, der im November 2016 in der Universität Freiburg einen Vortrag hielt mit dem Thema: "Ist Kritik am Staat Israel antisemitisch?" Ein anonymes Flugblatt hatte kurz vor der Veranstaltung Verleger als Antisemiten verunglimpft und Verbot des Vortrags gefordert. Die israelische Propaganda begreift die palästinensischen Araber pauschal als Antisemiten in völliger Verkennung, woher dies Wort überhaupt stammt, und Juden, die Israel kritisieren, seien eben "antisemitische Juden" oder "jüdische Selbsthasser".  Begreife diesen Irrsinn, wer will!

Die israelische Bewegung     "Breaking the Silence",    bestehend   aus   Frauen und Männern, die in den besetzten Palästinensergebieten während ihres Militärdienstes genötigt waren, willkürliche Gewaltakte an den einheimischen Bewohnern zu verüben, kam mehrmals mit einer Ausstellung nach Deutschland. Selbst im Willy-Brandt-Haus der SPD in Berlin wurde sie gezeigt, aber in verschiedenen anderen Orten nach Intervention der israelischen Botschaft  oder  Zentralrats der Juden ind Deutschland verboten.  Ebenso erging und ergeht es bis jetzt anderen Juden, die gegen den zionistisch-nationalistischen Strom schwimmen.

Es ist erwiesen, dass das israelische Außenministerium eine Propaganda-Abteilung (Hasbara) unterhält, um kritische Informationen und Veranstaltungen außerhalb des Staates Israel mit der pauschalen Beschuldigung "Neuer Antisemitismus"  zu unterbinden. Mit allen Mitteln versucht das Hasbara-Management weltweit durchzusetzen, dass jegliche Kritik an Israel gleichzusetzen sei mit einem Antisemitismus, der Israel die Existenzberechtigung verweigere. Aber nirgends werden die auf Tatsachen beruhenden Argumente der Kritiker auch nur erwähnt. Die Kritiker werden als lächerliche "Gutmenschen" denunziert und ihnen zugleich unterstellt, sie wollten Israel vernichten. Das erinnert an den Stil der Goebbels-Propaganda zur Nazizeit. Da wurden in den gleichgeschalteten Zeitungen Winston Churchill und Präsident Roosevelt zugleich dämonisiert und lächerlich gemacht. Die - noch - größte deutsche Partei, CDU, fordert durch Parteitagsbeschluss Verbot der BDS-Bewegung, also des Boykotts von Waren, die in den völkerrechtswidrigen Betrieben der illegalen Siedlungen produziert werden. Dass solche nicht als israelisch deklariert werden dürfen, hatte schon die EU festgestellt. 

Neuester Erfolg dieser Denunziationen:  Die internationale Vereinigung "European Jews for a Just pPeace" ist als e.V. in Deutschland unter dem Titel "Jüdische Stimme für gerechten Frieden" mit Sitz in Berlin tätig. Sie unterhält – genauer gesagt: unterhielt - ihr Konto bei der Bank für Sozialwirtschaft. Dies wurde ihr im November 2016 gekündigt, weil der israelische Propagandist Benjamin Weinthal diese Vereinigung als antisemitisch denunziert hatte  und der Bankvorstand ihm mehr glaubte als den Kontoinhabern. Also hier hat ein "arischer" deutscher Bankvorstand Berliner Juden dafür bestraft, dass sie sich für gerechten Frieden in Nahost engagieren: Das ist realer deutscher Antisemitismus im Jahr 2016. Unsere deutschen Leitmedien verschweigen mit ganz geringen Ausnahmen, was wirklich im israelischen Machtbereich vorgeht.  Hat ein Korrespondent mal den Mut, etwa die kümmerliche Wasserversorgung der Palästinenser durch das Besatzungsregime zu thematisieren, ertönt ein Aufschrei. "Einseitigkeit, antisemitische Hetze!" Der Korrespondent erhält Morddrohungen.

Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter wurde 2011 von Juden in Berlin mit einem Preis für seinen Einsatz gegen Antisemitismus, Neonazismus und Rassismus ausgezeichnet. Jena ist Partnerstadt von Beit Jala bei Bethlehem. Im August 2015 beraubten Siedler 58 christliche Wein- und Olivenbauern ihres angestammten Landes. Schröter protestierte öffentlich bei Bundeskanzlerin, Außenminister und israelischer Botschaft. Deswegen ist er plötzlich zum "Antisemiten" geworden. Eine israelische Fotomontage mit seinem Gesicht in einer Fantasie-  uniform war im Internet zu sehen. Nur stimmte die Farbe der Uniform nicht, nämlich die der SS war grünlich,  es war aber die lilafarbene der deutschen Luftwaffe, und Schröter sah darin eher dem legendären Kunstflieger Ernst Udet ähnlich, dem Karl Zuckmeyer in "Des Teufels General" ein Denkmal gesetzt hatte, als einem SS-Schlächter.

Sollte es in Deutschland wirklich zu gerichtlichen Auseinandersetzungen darüber kommen, welche Aussagen oder Handlungen antisemitisch sind, müssten alle Argumente für und wider auf den Tisch. Dann wäre Schluss mit der Unterdrückung von Nachrichten. Für die israelische Staatspropaganda würde eine solche Auseinandersetzung zum Fiasko, aber moralisch auch für die jetzige Außenpolitik der Merkelschen "Staatsräson".

Ich stelle zum Schluss noch einmal klar:Meine Kenntnisse beruhen ausschließlich auf Informationen durch Jüdinnen und Juden, die  sich als Wissenschaftler der Wahrheit verpflichtet sehen, und von diejenigen, die für gewaltfreie Durchsetzung von Menschenrechten eintreten, und ihnen gehört meine Hochachtung. 


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