13. September 2008 - Luz Maria de Stefano de Lenkait:

Süddeutsche Zeitung vom 8.9.2008:
"Rußland provoziert Amerika" von Sebastian Schoepp,

SZ-Leitartikel vom 13.9.2008:
"Amerika contra Amerika" von Peter Burghardt

Seit 1945 alle schweren Krisen durch USA ausgelöst

Die dargestellte Falschheit im SZ-Artikel vom 8.9.2008: "Rußland provoziert Amerika" von Sebastian Schoepp hat einen langen Bart. Es ist höchste Zeit, die wahre Geschichte der entstandenen Krisen in der Nachkriegszeit einzusehen. Nicht Rußland provoziert Amerika, auch nicht die ehemalige Sowjetunion hat Amerika provoziert, sondern es war bei allen schweren Krisen wie jetzt immer umgekehrt. Blicken wir kurz auf einige der großen Krisen seit 1945, die jedes Mal von den USA verursacht wurden:

1. Der Kalte Krieg,

ausgelöst durch die einseitige Gründung der NATO mit einer Atomwaffenstrategie. Als Reaktion darauf entstand danach der Warschauer Pakt. Konfrontation zweier Blöcke mitten in Europa. Der Kalte Krieg beherrscht und entzweit Mitteleuropa. Eine mögliche totale Vernichtung und radioaktive Verseuchung von Mitteleuropa in einem heißen Krieg wird von den USA kaltblütig als Opfer in Kauf genommen. Die Berliner Mauer wird errichtet. Der Westen spricht von Eisernem Vorhang. Der nukleare US-Abschreckungswahn wird nie auf die Probe gestellt.

2. Kuba-Krise,

Oktober 1962, ausgelöst durch die im Westen weitgehend verschwiegene Installierung von US-Raketen in der Türkei, Izmir, ganz in der Nähe von Rußland/Sowjetunion. Als Antwort darauf installieren die Sowjets Raketen auf Kuba in der Nähe der USA. Die Kuba-Krise wurde nur durch die amerikanische präsidentielle Annahme der Forderung Rußlands entschärft, nämlich die amerikanischen Raketenstellungen aus der Türkei zurückzuziehen, woraufhin die sowjet-russischen Raketen aus Kuba abgezogen wurden, und zwar aufgrund einer Vereinbarung der Kennedy-Brüder, John und Robert, mit dem russischen Botschafter in Washington, Anatoly Dobrynin, unter der Bedingung, diese Vereinbarung geheim zu halten. Die Geheimhaltung wurde von den USA mißbraucht, um die Kuba-Krise einseitig weltweit in der Öffentlichkeit zu präsentieren, und zwar als eine einseitige Drohung der Russen, ohne den Hintergrund zu erwähnen. Bis heute.

Der hier zu Kritik Anlaß gebende SZ-Artikel von Sebastian Schoepp unterliegt genau der Art falscher propagierter US-Darstellung. Heute sind die damalige Unredlichkeit und falsche Darstellung der US-Regierung festzustellen und weltweit bekannt. (z.B. "La Crise des Missiles de Cuba." Par Nicolas Michel. La Revue. Novembre/Décembre 2007).

3. Krise während der Unabhängigkeitsbewegung in Angola

verschärft sich aufgrund der Installierung von US-Atombomben in Südafrika durch Israel, 1970-1975, als Kuba Angola bei seiner Unabhängigkeitsbewegung unterstützte.

4. Spannungen nach Ende des sowjetischen Herrschaftssystems,

Fall der Berliner Mauer: Als erpresserische Bedingung der US-Regierung (US-Außenminister Baker ein Tag nach der Maueröffnung) vor der deutschen Einheit bleibt die NATO gegen den Willen der europäischen Bevölkerung und gegen jede Vernunft und jeden Realitätssinn weiter bestehen, wie sich zu diesem Punkt Politiker des Kalibers des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger äußern. Trotz der Auflösung des Warschauer Paktes existiert die NATO in Europa weiter - auch entgegen der Stellungnahme und Erwartung Rußlands. Ihre Expansion steht im flagranten Wortbruch mit allen Vereinbarungen mit Rußland, gefährdet die Stabilität des Kontinentes und behindert in großem Ausmaß eine friedliche fortschreitende Integration Europas.

5. Krise ab 2001 einiger westlicher Industriestaaten gegenüber einigen islamischen Ländern,

ausgelöst durch Terror-Rhetorik und Erfindung der "Schurken-Staaten" von George W. Bush.

6. Nahost-Krise im Juli 2006

mit Aggression Israels gegen Libanon, mit Washingtons Deckung provoziert die Verstärkung von Hisbollah, die die Verteidigung des Libanons gegen Israel übernimmt mit voller Unterstützung der libanesischen Bevölkerung.

7. Angriffskriege, Angriffspläne

seitens der USA und "willigen" Vasallen gegen Afghanistan, gegen Irak, gegen Serbien, gegen Iran. Wie Hitler-Deutschland mit seiner Inszenierung eines Vorwandes für seinen Angriff auf Polen 1939 hat US-Amerika gleich mehrere Aggressionen inszeniert: in Pearl Harbor, Vietnam, mehrfach gegen den Irak, gegen Serbien, Afghanistan und jetzt sehen wir eine weitere Inszenierung gegen den Iran.

8. Krise der EU-Rußland-Beziehungen,

ausgelöst durch US-Pläne für die Installierung von Abwehrsysteme in Tschechien und Polen. Diese Pläne provozieren weitere Aufrüstung von Rußland und angekündigte militärische russische Gegenmaßnahmen. Europa schweigt.

Die Tatsache, daß US-Regierungen während des Kalten Krieges die totale Zerstörung und Ausrottung von Zentral-Europa in Kauf genommen haben, bleibt bei Befürwortern der US-Raketenabwehr auf europäischen Boden entweder unüberlegt oder läßt sie kalt.

Die törichte Idee eines Raketenabwehrsystems der USA in Europa überschreitet das Vernünftige, d.h. eine dezidierte Abrüstung und Schaffung von atomwaffenfreien Zonen sowohl im Nahen Osten wie in Europa. Das zutreffende und weise Eintreten des deutschen Außenministers für eine atomwaffenfreie Zone im Nahen Osten wird von der US-Regierung torpediert.

Der SZ-Journalist Sebastian Schoepp sollte sich über die russischen Reaktionen auf die heutigen USA-Provokationen nicht wundern. Es war vorauszusehen, daß Rußland nicht untätig bleiben würde.

9. Völkerrechtswidrige Abspaltung des Kosovo von Serbien

am 17.2.2008 entgegen UN-Resolution 1244 unter massiver Einflußnahme der USA, die dort den größten europäischen US-Militärstützpunkt völkerrechtswidrig ohne Abkommen mit Serbien aufgebaut hat.

10. Krise mit dem Iran:

US-Kriegsmaschinerie im persischen Golf und wiederholte Drohung gegen Teheran provoziert militärische Raketen-Demonstration Irans am persischen Golf. Die westlichen Medien informieren einseitig davon, ohne die amerikanische Drohkulisse zu erwähnen, ohne zu erwähnen, daß der Iran solche Raketen im Fall eines amerikanischen oder israelischen Angriffs abschießen würde. Europa scheint das Maß der Dinge und die realistische Objektivität verloren zu haben. Jedenfalls ist es nicht mehr in der Lage oder unwillig, das aggressive US-Regime zu bremsen. Mindestens die europäische Öffentlichkeit sollte dem Cheney-Bush-Diktat die Stirn bieten. Die Freiheit dazu hätte sie.

11. Kaukasus-Krise:

Angriff Georgiens auf Südossetien, wo russische Friedenstruppen stationiert waren, begünstigt durch die US-amerikanische Aufrüstung Georgiens und Installierung US-militärischer Berater auf seinem Territorium seit 2001, ausgeführt in der Nacht 7./8.8.2008 wahrscheinlich mit Deckung militärischer US-Falken-Kreise. Der Überfall verursacht die militärische Intervention Rußlands in Georgien nach 15 Stunden. Die USA lassen die Lage eskalieren, indem sie eine außerordentliche Krisen-Sitzung der NATO beantragen (19.8.2008), wobei ihr Vorstoß, den NATO-Rußlandsrat aufzulösen, an der Mehrheit der europäischen Staaten scheitert. Mit ihrem Einfluß auf deutsche Medien gelingt es der US-Regierung, die Beziehung Europas und dabei besonders Deutschlands zu Rußland empfindlich zu stören. Eine antirussische Kampagne kommt in vollen Gang durch die öffentliche Intervention der amerikanischen Außenministerin Condolezza Rice, die sich anmaßte, in deutschen Medien Europas Position nach amerikanischem Wortlaut zu definieren. Der NATO-Generalsekretär, ein bekannter Gewährsmann der USA, schaltet sich auch öffentlich ein, ohne Mandat dazu, und zwar im Sinne der amerikanischen Haltung gegen Rußland.

12. NATO-Kriegsschiffe im Schwarzen Meer

seit dem Kaukasus-Konflikt, als ob ein Krieg der NATO gegen Rußland bevorstehen würde. US-Kriegsschiffe haben unter den Augen der russischen Streitkräfte georgische Häfen angelaufen. Damit ist es offensichtlich, daß Falken aus der USA die Lage zuspitzen wollen. Die Bundesregierung verliert den Sinn für Balance und läßt sich in diesen freien Fall treiben, ohne dagegen zu halten. Die Gegenmaßnahmen Rußlands sind bekannt, nämlich "die russischen Waffentänze vor der Haustür" Amerikas als Reaktion auf die amerikanischen Waffentänze vor der Haustür Rußlands im Schwarzen Meer.

Um weitere Provokationen gegenüber Rußland zu vermeiden, hat der französische Präsident, Nicolas Sarkozy, als EU-Ratspräsident beim EU-Ukraine-Gipfel in Paris am 9.9.2008 den Ukraine-Beitritt in die EU abgelehnt in vollem Einklang mit seiner erfolgreichen diplomatische Mission in Moskau tags zuvor (8.9.2008).

13. Aufstand oder Revolte in Lateinamerika,

jüngst in Bolivien, als Folge einer verhängsnisvollen US-neoliberalen Politik, die die weitere Verarmung der Mehrheit der Bevölkerung verursacht. Der terroristische militärische Sturz des demokratischen Sozialisten Präsident Salvador Allende in Chile wurde in Washington unter der Administration Nixon orchestriert, "vom Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger abgesegnet - was für ein Zynismus, nachzulesen im Nationalen Sicherheitsarchiv der USA", wie zutreffend dokumentiert der Journalist Peter Burghardt in seinem SZ-Leitartikel vom 13.9.2008 schreibt.

Luz María De Stéfano de Lenkait,

Juristin und Diplomatin a.D.

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