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29. Januar 2017 - Ha'aretz, Ilana Hammermann:

Warum ich, eine stolze Israelin, will, dass uns die Welt boykottiert

Unter großen Schwierigkeiten bitte ich meine Mitbürger, den Aufruf für einen internationalen Boykott anzuführen, weil sonst unser Land für immer verloren sein wird.
"Der Aufruf zum Boykott mit politischer Begründung, ist ein legitimes Mittel, das im Rahmen der freien Meinungsäußerung fällt", so stellte es letztens ein Leitartikel der Redaktion von Haaretz dar. ("Es gibt keinen Einlass für Besucher". 17.1.2017)  Die Worte sind geschrieben worden anlässlich des Beschlusses der Innenkommission der Knesset die Gesetzesvorlage, die verbieten soll, Einreisegenehmigungen an fremde Staatsbürger zu erteilen, die zum Boykott Israels aufrufen oder zum Boykott der Siedlungen, zur zweiten und dritten Lesung zu bringen. Ich stütze mich also auf eine Feststellung von Haaretz - die einzige Zeitung in Israel, die nicht nur weiter die Freiheit der politischen Meinung verteidigt, sondern sich auch täglich daran festhält, mit immer größer werdenden Entschlossenheit - und wende mich an die Bürger Israels, die sich zum Friedenlager zählen, sich an die Weltöffentlichkeit mit dem Aufruf zu wenden, Israel, ihr Land, zu boykottieren.
Ich bin keine Fremde und ich wende mich auch nicht an fremde Bürger. Ich weiß nicht, ob ich damit irgendein Gesetz von den undemokratischen und nicht legitimen Gesetzen verletze, die in diesen Tagen in Israel erlassen werden, um von mir und meinen Freundinnen und Freunden - alle Israelis - die Meinungsfreiheit und die unsere menschliche und politische Freiheit zu nehmen, aktiv zu sein. Aber eines weiß ich, ich bin mit meinem Körper und meiner Seele an diesem Land gebunden, in dem ich vor 72 Jahren geboren wurde und dem ich meine besten Jahre geopfert habe, mit meiner beruflichen Tätigkeit und meinem gesellschaftlichen Engagement, und dass ich diese Verbindung nicht mehr freiwillig aufheben kann, ich habe, im wahrsten Sinne des Wortes, kein anderes Land.
Von diesem Ort aus, als israelische Bürgerin und als Frau, die verbunden ist mit dem öffentlichen Leben in Israel, stelle ich fest, dass das Land, dessen Staatsbürgerin ich bin, zwar mein Grundrecht zu leben auf der Basis meines Gewissens, nicht schützt und ehrt - das Judentum, das es mir aufzwingen will mit seinen Gesetzen, ist nicht mein Judentum, und dass der nationale und rassistische Fanatismus seiner Regierung, der immer mehr polarisiert wird, der Innenminister und der Kultur- und Erziehungsminister, meine mir sehr teuren Werte entgegenstehen - aber, diese Fehler sind die innere Sache der israelischen Gesellschaft, und ich habe das Recht und vorerst auch die Möglichkeit, von innen um ihre Korrektur zu kämpfen.
Demgegenüber, die Tatsache, dass Israel regelmäßig das internationale Recht verletzt, berechtigt die Einmischung der internationalen Gemeinschaft. Dieses Recht wurde nicht beschlossen, damit jedes Land macht was es will und was seine Bevölkerung für gut erachtet, es ist beschlossen worden aufgrund der Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Verlauf Millionen Menschen getötet, verhaftet, vertrieben und ermordet wurden. Es ist also dafür gedacht worden die zivile Bevölkerung, die in eroberten Gebieten lebt, zu schützen.
Israel hält die palästinensische Westbank besetzt und herrscht über das Schicksal von Millionen arabischen Bewohnern, aus dem Recht der Eroberung, der Besatzung und der militärischen Überlegenheit, und dadurch verletzt es alle Grundsätze dieser humanitären Vereinbarungen: es siedelt seine Bürger in diesen Gebieten; es zerstört Eigentum von Einzelnen und von Gemeinden; es beschlagnahmt private und öffentliche Ländereien für eigene Zwecke und für die Zwecke der Siedler; es wendet gegen die Bevölkerung regelmäßig und systematisch kollektive Strafen an; es beschränkt die Bewegungsfreiheit der Bewohner; es hält tausende und abertausende Häftlinge in Gefängnissen und Konzentrationslagern - fast eine Million Palästinenser wurden durch die israelischen Sicherheitskräften seit 1967 verhaftet, aufgrund von militärischen Gerichtsurteilen oder sogar ohne irgend ein Urteil.
All diese systematischen Verletzungen der Menschenrechte passieren nicht in Kriegszeiten, nicht kurzfristig für ein oder zwei Jahre, sondern innerhalb von 50 Jahren. Es ist nicht notwendig ein Jurist oder ein Militärexperte zu sein, um festzustellen, dass diese systematische Politik keine gesetzliche Grundlage hat - es reichen offene Augen und ein gesunder Menschenverstand um zu verstehen, dass ideologische Gründe, ob versteckt wie in der Vergangenheit oder offen wie heute, diese Politik leiten.
Und deshalb, als israelische Bürgerin und als Frau, die am politischen und gesellschaftlichen Leben beteiligt ist, nehme ich mir seit vielen Jahren das Recht, meine Augen offen zu halten und zu betrachten, und auch Zeugnis abzulegen über diese ungesetzlichen Verletzungen der Menschenrechte, des Lebens, des Besitzes, der Würde und der Freiheit von Menschen, die mein Land, seine Soldaten, Verwaltungen, Beamte nur wenige Kilometer von meinem Zuhause  verursachen. Und in den letzten Jahren - angesichts der Gleichgültigkeit der meisten seiner Bürger - nehme auch ich mir das Recht und die Pflicht aufzuschreien und die Bürger aufzufordern die Gesetze und Verordnungen zu missachten. Und ich missachte sie auch selbst: ich befreunde mich mit Palästinenser in den besetzten Gebieten, trotz der vielen roten Schilder, die es mir verbieten, schmuggele von Fall zu Fall einen Arbeiter zu seinem Arbeitsplatz, eine Frau und ihre Kinder zum Strand in Tel Aviv, einen Vater, Brüder und Schwester zu einem Familienangehörigen, der in einem Krankenhaus in Israel liegt, und noch viele Kleinigkeiten, die nicht erwähnenswert sind.
Aber während ich diese Taten aus vollem Herzen und freien Willen tue, aus politischen und humanitären Gründen und aus dem Willen verfolgten Menschen zu helfen, so entschloss ich mich zu diesem Aufruf aus Not, aus innerem Schmerz und großer emotionaler Schwierigkeit, und ich tue es aus reinem politischen Pragmatismus.
Denn Israel ist sicherlich nicht das einzige Land auf der Welt, das es verdient hat boykottiert zu werden. Im 20. Und auch im 21. Jahrhundert gab es und gibt es vielfach größere Verbrecher. Die größten Entsetzen und Verbrechen in der Neuzeit haben einige europäische Staaten verursacht, mit ihrer Unterdrückung und Ausbeutung ihrer Kolonien in Afrika und Asien; und die UdSSR hat auch Millionen von Menschen vernichtet, die durch Hunger und Folter getötet wurden; und die USA hat zwei Atombomben in Japan abgeworfen und Millionen Menschen getroffen und in Vietnam chemische Waffen eingesetzt. Und heute, wenn man nur Sanktionen gegen China beschließen könnte, wegen der grausamen Unterdrückung der eigenen Bevölkerung und gegen Russland, wegen der barbarischen Einmischung in Syrien, aber das geht leider nicht. Das sind Großmächte von denen die Welt abhängig ist und nicht umgekehrt.
Israel, demgegenüber, ist ein Staat, dessen Wirtschaft von der Welt abhängig ist, und ein Wirtschaftsboykott, oder zumindest Sanktionen, wie man sie über den Iran verhängt hat, würden seine Politik sicher beeinflussen, und sogar die öffentliche Meinung. Die Lebensgewohnheiten der Bevölkerung werden hart getroffen und die Menschen werden endlich über die Realität nachdenken müssen, in der sie leben - wenn nicht auch über das Unrecht oder das Dynamitfass, in dessen Nähe sie weilen. Und so, nur so, könnte der Weg zu einer neuen Wirklichkeit gebahnt werden, zu einer friedlichen Lösung. Denn es ist einerlei wo genau das Recht in diesem Konflikt sich befindet - eines ist klar, dass die ungeheure Macht in den Händen der Israelis ist und nicht in den Händen der Palästinenser. Dass Israel mit seine Militärmacht - und nicht die Palästinenser mit ihren Messern und Lastwagen - die Realität in der Region bestimmt.
Aber es ist notwendig, dass der Ruf nach einem solchen Boykott aus Israel selbst kommt - aus dem Mund der vielen braven Bürger, die sich um ihr Schicksal und das ihres Staates kümmern. Ja, über ihr Schicksal und nicht das Schicksal der Palästinenser - über ihr physisches und moralisches Schicksal, das heute in den Händen von Politikern liegt, die Israel zum Absturz und Untergang führen. Ja, sie sind zahlreich und brav, diese Bürger, obwohl sie jetzt eine Minderheit sind, aber diese Regierung muss die Minderheit nicht akzeptieren, denn nicht nur, dass nirgend die Entscheidung der Mehrheit eine Garantie für eine wahre Demokratie ist - und sicherlich nicht dort, wo sie über das Schicksal von Millionen entscheidet, die selber nicht entscheiden dürfen.
Und in der Tat, diese vielen Bürger, die noch eine Minderheit sind, sehen schon sehr klar, dass eine solche Katastrophe über unsere Köpfe hängt. Darüber legen Zeugnis, zum Beispiel, die immer schärfer werdenden Artikel in Haaretz. Sie bitten und flehen die Bürger an: Habt Mut, geht auf die Straße - als ob die Straßen uns noch gehören.
Aber es sind leere Worte: Wir sind offensichtlich nicht geboren Mut zu haben angesichts eines aggressiven Pöbels. Deshalb lasset uns im Stillen Mut haben und im Stillen mit einem klugen Appell an die internationale Gemeinschaft wenden, Israel wirtschaftlich zu boykottieren. Ja, Israel, nicht nur die Siedlungen, denn schon seit langem gibt es keine zwei Wirtschaftssysteme im Land: es gibt ein Wirtschaftssystem auf beiden Seiten der Grünen Linie. Lasst uns das machen aus einem gemeinsamen Willen - wir, die wenigen Millionen - innerhalb einer Umgebung von dutzenden von Millionen, wo unsere Kapitäne festgestellt haben, dass wir ewig das Schwert tragen sollen.
Wenn diese Stimme zur Rettung unseres Staates von uns kommen wird, klar und deutlich und gut begründet, wird es welche geben, die uns zuhören werden, obwohl wir die Minderheit sind. Kein Mensch wird uns beschuldigen können, wir seien Antisemiten oder Israel-Hasser; schließlich sind wir Juden und Israelis und als Juden und Israelis wollen wir hier bleiben - um hier zu leben und nicht um hier zu sterben.

(veröffentlicht in Ha'aretz am 29.1.2017, www.haaretz.com/opinion/.premium-1.767900)