Nachruf auf den Kapitalismus von der ver.di-Jugend zur Demonstration "Wir zahlen nicht für eure Krise!" am 28.März 2009

Wir alle haben ihn gekannt.

Und was haben wir nicht alles mit ihm erlebt. So ein dynamischer Typ er in seinen jungen Jahren war, so stark und kräftig, so voller Lebensenergie.

 

Wie er vor Ideen sprühte und strotzte vor Tatendrang! Wie er die Grundbesitzer verjagte in seinem jugendlichen Ungestüm, und die Adligen, wie er sich mit der Kirche anlegte - dieses ganze Programm von Sturm und Drang: Das waren Zeiten damals!

 

Nichts was Rang und Namen hatte, war vor ihm sicher. Rücksichtslos, wie nur die Jugend ist, war er der Motor einer neuen Zeit: Leibeigene machte er zu Selbstständigen, Bauern zu Arbeitern, Krämer zu Kaufleuten. Technik, Industrie und Fortschritt waren sein Erfolgsprogramm, sein Schlachtruf war "Freiheit und Gleichheit". Er war ein Freund der Wissenschaft, eine Inspiration für Kunst. Er war echter Hoffnungsträger, unglaublich produktiv, der ganze Stolz seiner Zeit. Er war unsere Chance. Ein echter Revolutionär, unser Kapitalismus.

 

Und schwere Phasen mit ihm durchgemacht.

 

Und so sollten wir ihn auch in Erinnerung behalten: Lebendig, erfrischend und kräftig. Gesund und munter.

 

Natürlich hatte er schwierige Zeiten. Über die Stränge geschlagen, ganze Länder unterworfen und die halbe Welt versklavt. Kriege geführt, ganz Europa in Schutt und Asche gelegt, auf Verluste geschissen - was für eine Energie er hatte in seinem nationalen Wahn!

 

So bekam er Konkurrenz... Auch daran erinnern wir uns noch. Wie er sich dann mit den falschen Leuten eingelassen hat, mit dieser wahnsinnigen Gang, diesen üblen antisemitischen Schlägertypen und Schwerverbrechern - auch das wollen wir gar nicht schönreden. Denn er hat seine Grenzen dann ja kennen gelernt.

 

Aber er hat sich immer wieder gefangen.

 

Und er hat sich geändert. Kaum mehr wiederzuerkennen nach dem Amoklauf, hat er seine Zeit auf Bewährung gründlich genutzt. Das muß man ihm lassen. Seine neuen Freunde haben ihn wieder hochgepäppelt, und wir danken ihnen noch heute dafür. Denn seitdem hat er sich geschont und nur sehr vorsichtig bewegt. Seitdem wußte er, daß ein soziales Image Gold wert war.

 

Und so konnten wie ihn wieder liebgewinnen. Zwar ging er schon am Stock, doch er tat es mit Stolz. War alt, aber noch attraktiv. Schließlich hatte er eine große Vergangenheit.

 

Und auch wenn es still um ihn wurde - er gehörte immer dazu.

 

Fast hatten wir uns an seine Macken gewöhnt. Sie liebgewonnen, die ewigen Streits um die Höhe unseres Taschengelds. Und über seine grundsätzlichen Schwächen hinweggesehen.

 

Mehr als ein paaar Prozent Wachstum waren zwar schon lange nicht mehr drin, aber das war ihm zu verzeihen. Man sah ihm seine Altersschwäche gerne nach. Im Großen und Ganzen ließ sich ja ganz gut klarkommen mit ihm.

 

Selbst im hohen Alter wollte er es noch mal wissen.

 

Bis er dann auf seine alten Tage doch noch einmal übermütig wurde. Als seine ehemaligen Konkurrenten aufgegeben hatten, stand er wieder allein auf der Bühne. Das war für ihn die letzte Chance. Und wie er die Szene beherrrschte, wie übermächtig er auf einmal wieder schien! Es grenzte an ein kleines Wunder.

 

Aber angenehm war er nicht, in seinem Altersstarrsinn - beileibe nicht. Vor allem die Jungen können ein Lied davon singen: die hatten am Ende gar nichts mehr zu lachen. Stur und selbsgerecht, wie er geworden war.

 

Am Ende war's dann besser so.

 

Aber mit so einer Geschichte tritt man nicht so einfach ab. Nicht einer wie er. Und so kam es für ihn selbst und für uns alle überraschend. Und erst konnte es auch gar niemand so richtig glauben, daß er auf einmal nicht mehr war. Und das mit einem so profanen Ende. Hat sich ganz einfach überfressen, der alte Sack! Und ist daran geplatzt. Sie wollten ihn noch retten, mit aller Macht wiederbeleben - koste es, was es wolle, und wenn man das Geld rauben mußte. Aber es war alles zu spät.

 

Nun ja. Irgendwann müssen wir alle gehen. Und Platz machen für etwas Neues, Besseres. Für etwas, das auch funktioniert.

 

Laßt uns zusammen daran arbeiten. Und ihn in Frieden ruhen, den Kapitalismus.

 

 

 

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