Sehr geehrte Frau Schicke-Gans!

 

Während des Frühstücks las ich die Zeitung. Ihr entnahm ich, dass nun auch Sie im Discounter einkaufen. Das jagte mir einen gehörigen Schrecken ein. Ich fand das so schlimm, dass mir fast die Brotkruste im Halse stecken blieb. Sie als gestandenes Weibsbild mit Weitblick aus besserer Gesellschaft nun im Discounter zum Einkaufen, nicht zu fassen. Eine Frau wie Sie, Frau Schicke-Gans, die jahrzehntelang von den arbeitenden Menschen den Mehrwert abgeschöpft und Millionen gescheffelt hat, nun im Discounter, unmöglich. Bei diesem Gedanken sträuben sich mir meine Nackenhaare. Wie tief ist Deutschland gesunken, dass Sie gezwungen sind, trotz Ihres Millionenvermögens im Discounter einkaufen zu müssen? Das kommt fast schon einer Katastrophe gleich. Meinen Sie nicht auch? Aber seien Sie trotz allem froh, dass Sie nicht auch noch zur Tafel gehen müssen.

 

Ich bin schon seit drei Jahren Hartz IV-Empfänger. Da kann ich mir vorstellen, wie Ihnen zumute ist, wenn Sie genau so wie ich im Discounter einkaufen. Gerne hätte ich in der Zeitung zu Ihren Gunsten einen Spendenaufruf veröffentlicht, aber das geht nicht. Eine Anzeige kann ich nicht bezahlen. Sie ist zu teuer. Ich habe nur 359 Euro im Monat zum Verleben. Bis vor kurzer Zeit lieh ich mir gegen Monatsende immer wieder bei Freunden Geld aus, um über die Runden zu kommen. In den letzten beiden Monaten allerdings habe ich Geld gespart. Einmal waren es 76 Cent, ein anderes mal ein Euro und drei Cent. Das Sparen ermöglichte mir eine neu eingerichtete Tafel, zu der ich nun jede Woche gehe. Bitte erzählen Sie das nicht weiter, denn es gibt Menschen in den Behörden, die gönnen einem noch nicht einmal die Tafel. Sie behaupten die erhaltenen Lebensmittel seien geldwerte Leistungen und möchten diese mit dem Hartz IV-Geld von 359 Euro verrechnen.

 

Wie Sie sehen, kann man auch mit weniger als einigen Millionen auskommen und sparen. Wenn man dazu gezwungen ist, lernt man das. Wenn sie möchten, Frau Schicke-Gans, verrate ich Ihnen gerne, welche die billigsten Discounter sind. Ich sage Ihnen auch gerne, wie man einen Hartz IV-Antrag stellt. Sie arbeiten ja schließlich nicht. Also: Sie müssen persönlich zum Amt. Das Sozialgesetzbuch verlangt das. Ihren Vermögensberater können Sie nicht hinschicken. Ich rate Ihnen aber, seien sie sehr vorsichtig Frau Schicke-Gans. Wenn Sie zum Amt gehen, legen Sie zuvor Ihr Geschmeide ab. Ersetzen Sie es durch billige Imitate. Auch Klamotten von Dior bzw. Chanel wirken ungünstig. Fahren Sie bloß nicht mit dem Rolls-Royce oder Bugatti vor. Ein alter, kleiner, klappriger Gebrauchtwagen tut es auch. Den kriegen Sie zur Zeit schon für 2500 Euro. Lassen Sie auch Ihren Chauffeur zu Hause. Er macht Sie verdächtig.

 

Auf der Behörde gibt es arge - Verzeihung, nun weiß ich nicht ob ich arge groß oder klein schreiben muss. Also, auf der Behörde gibt es Arge-Leute, die verlangen, dass Sie Ihr Geschmeide, die mit Brillanten besetzten Kleider, Ihre Luxuskarossen etc. zuerst verkaufen. Die erzielten Erlöse werden dann mit den fiktiv zu zahlenden Hatz IV-Geldern verrechnet. Stellen Sie sich das einmal vor, Frau Schicke-Gans. Sie bekämen trotz Schonvermögen auf Lebenszeit kein Geld von der Behörde. Eine Ungeheuerlichkeit, wo es doch immer heißt: wo Tauben sind, fliegen Tauben hin. Ich rate noch einmal zur äußersten Vorsicht. Sollte man Ihnen Frau Schicke-Gans, einem gestandenen Weibsbild aus besserer Gesellschaft, wider Erwarten einen Ein-Euro-Job zuweisen, widersprechen Sie sofort. Am besten unter Zeugen. Verweisen Sie auf das Grundgesetz. Zwangsarbeit ist verboten. Schalten Sie alle Ihre Anwälte ein.

 

In aller Eile, im Vertrauen, noch einen Tipp. Halten Sie Freundschaft mit dem, ach wie heißt er noch, dieser schweizer Bankenseppel? Sie wissen schon,  dieser Herr der grinsend vor Prozessbeginn im Gericht das Victory-Zeichen machte, im Kanzleramt ein und ausgeht und sich dorthin seine Gäste einlädt. Vielleicht sind Sie dann auch des Öfteren dabei, wenn beim Schlemmern die Politik vorgegeben wird. Das kostet Sie nichts. die Bewirtung ist gut. Das können Sie mir glauben. Der Steuerzahler zahlt und sie sparen mächtig Geld. Sie brauchen sich dafür nicht zu schämen. Ich lasse mich ja auch hin und wieder zum Essen bei Freunden einladen. Sonst kommt man ja in heutiger Zeit nicht über die Runden.

 

Und nun etwas anderes, Frau Schicke-Gans, wenn ich meine Schulden bei meinem Bekannten bezahlt habe, werde ich Ihnen meine monatlichen Ersparnisse zukommen lassen, damit Sie nicht auch noch zur Tafel kommen und das Wenige mitnehmen.

 

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihr mitfühlender Hartz IV-Empfänger

 

 

                                                                                           peme

 

 

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