99 Prozent haben den Kapitalismus nicht verstanden

Seit dem Beginn der globalen Finanzkrise 2007 sind zu den bereits erschienen Publikationen einige Dutzend weitere Bücher und etliche Artikel  über den Kapitalismus, seine negativen Folgen, über mögliche  Reformen und über die Transformation des Kapitalismus in ein humanes Wirtschaftssystem erschienen. In ihrem Buch „Der Sieg des Kapitals“ versucht die Autorin Ulrike Herrmann, langjährige Wirtschaftsredakteurin der Tageszeitung taz, die Bedeutung des Kapitals und die Entwicklung des Kapitalismus, beginnend mit  der wirtschaftlichen Lage Ende des 18. Jahrhunderts,  transparent zu machen und die Grenzen des Kapitalismus aufzuzeigen.

Ulrike Herrmann zeigt, wie viele andere Autoren auch, Ansätze  für einen dritten Weg auf. Sie verzichtet zwar nicht auf die von Karl Marx und Friedrich Engels  entwickelte Kritik am Kapitalismus hinzuweisen, blendet aber die marxistische Terminologie fast völlig aus. Diese Vorgehensweise ist für das Verständnis des Kapitalismus und für weiterführende Diskussionen auch nicht ganz unproblematisch.   

Die Autorin will also weitgehend ohne die Klassiker des wissenschaftlichen Sozialismus  auf leicht verständliche Weise aufklären, sie  will  ohne Zweifel aber auch zum Engagement anregen. Die Entwicklung und die Fehler der  bisherigen auf dem Sozialismus aufgebauten Wirtschaftssysteme werden  in diesem Buch nicht ausführlicher  analysiert.

Ulrike Herrmann  kritisiert mehrfach deutlich die mangelhaften ökonomischen Kenntnisse, gerade auch derer, die politische Verantwortung tragen und vieler, die sich engagieren.  Engagement muss, wie sie hervorhebt, nicht nur mit fundierten Kenntnissen, sondern auch mit konkreten Forderungen verbunden sein; deshalb auch ihre Kritik an der Occupy-Bewegung und an deren prominentestem Vertreter, David Graeber.

Gleich zu Beginn ihres Buches werden einige grundlegende Aussagen getroffen, die schon von den Klassikern der politischen Ökonomie bekannt sind,  die in den neoliberalen Medien  üblicherweise verschwiegen, vage  umschrieben oder falsch interpretiert werden:

„Der Kapitalismus ist ein totales System, das alle Lebensbereiche durchdringt.“ „Kapital ist nicht Geld.“ „Kapitalismus ist nicht gleich Marktwirtschaft.“ „Der Kapitalismus neigt ständig zu Krisen.“ „Die Globalisierung ist nicht neu.“ „Der Staat ist mit dem Kapitalismus eng verbunden.“ „Durch den Kapitalismus ist großer technischer Fortschritt möglich geworden.“

In Teil I des Buches wird der Aufstieg des Kapitalismus  beschrieben, der erst, wie die Autorin feststellt,  mit der Industrialisierung im Nordwesten  Englands in der Sparte Textilherstellung vor etwa 250 Jahren begann. In früheren, auch  weitentwickelten Kulturnationen wie im antiken Griechenland, im römischen Reich und viele Jahrhunderte danach, war die Marktwirtschaft fest etabliert. Danach entstanden verschiedene Vorformen des Kapitalismus wie der Merkantilismus, dieser bereits mit Elementen wie Kapitalanhäufung und Arbeitsteilung, auf die die Autorin nicht näher eingeht. Einen Sprung in der Entwicklung brachte die Industrialisierung, durch Erfindungen wie die  der Dampfmaschine, aber auch die in  dieser Zeit vergleichsweise noch vergleichsweise guten Einkommen. Größere finanzielle Überschüsse ermöglichten Kredite und  damit größere Investitionen, dadurch erhöhte sich  auch die Produktivität pro  Arbeitskraft. Damit setzte aber gleichzeitig eine Wachstumsspirale ein. Die Situation der zunehmend vom Land vertriebenen Arbeiter verschlechterte sich allerdings erheblich. Zu  einigen Verbesserungen  ihrer Situation kam es erst nach Protesten, mit dem Zusammenschluss der Arbeiter und der Gründung von Gewerkschaften.       

Im zweiten Teil des Buches werden die wesentlichen Irrtümer über das  Kapital: „Kapitalismus ist Marktwirtschaft“, „Kapitalismus ist das Gegenteil von Staat“ und „Globalisierung ist eine neue Entwicklung“ anschaulich widerlegt. Die Autorin erläutert die Machtstrukturen, die Konzentration der wirtschaftlichen und politischen Macht im Kapitalismus. Sie weist darauf hin, dass in der jüngsten Zeit besonders durch die „Hartz-Gesetze“, durch Rentenkürzungen und durch die Teilprivatisierung der Altersvorsorge die Situation der Arbeitnehmer nochmals erheblich verschlechtert worden ist, während bei den Unternehmen Steuern gesenkt und immer wieder erhebliche Staatshilfen, nicht nur  bei drohenden Insolvenzen, gewährt worden sind.             

Im Teil III  geht es um die Funktionen von Geld, Kapital, Schulden, Zinsen, um Inflation und Spekulation. Die Autorin stellt klar, dass Sparen, Schulden, dass Zinsen und Inflation unentbehrliche Bestandteile der kapitalistischen Wirtschaft sind. Gefahren drohen durch die Spekulation, besonders dann, wenn das  reale Wachstum deutlich hinter der Entwicklung, also hinter den Renditen an den Kapitalmärkten,  zurückbleibt. Ulrike Herrmann macht klar, dass nach ihrer Auffassung, im Gegensatz zu David Graeber,  nicht  Schulden die Ursache von Ausbeutung sind, sondern ungleiche Löhne und Einkommen sowie immer noch ausgeprägte ungleiche Bildungschancen. 

Im vierten Teil  des Buches werden die im Kapitalismus immer wiederkehrenden Wirtschafts- und Finanzkrisen behandelt. Auslöser sind, wie Marx und Engels bereits im Kommunistischen Manifest festgestellt hatten, Ungleichgewichte zwischen Produktion und Nachfrage, die bei zu geringen Löhnen und Gehältern,  bei ungleicher Einkommens- und Vermögensverteilung,  entstehen (marxistisch: Unterkonsumption und Überakkumulation). Bereits zur Zeit der bekanntesten Krise, die  im Jahr 1929 in den USA ausgelöst worden war, bestand ein enormes Ungleichgewicht bei den Einkommen. In den USA bezogen 10 Prozent der Einkommensbezieher 46 Prozent des Gesamteinkommens. Inzwischen sind zur Abschwächung solcher Krisen verschiedene Gegenmaßnahmen entwickelt worden. Am bekanntesten sind die von John Mynard Keynes vorgeschlagenen antizyklischen, staatlichen Investitionen. Entsprechende Programme wurden und werden in verschiedenen Variationen angewandt, ohne dass bisher allerdings die Einkommensungleichgewichte grundlegend verringert worden sind.      

Seit Anfang der siebziger Jahre sind durch die Aufhebung der Bindung des US-Dollars an den Goldpreis (Vereinbarungen von Bretton Woods) zusätzliche Unsicherheiten in den Finanzmärkten eingetreten. Die neoliberale Politik der letzten Jahre und Jahrzehnte, mit Etablierung weiterer riskanter Elemente, wie der Ausgabe von unzähligen verschiedenartigen Finanzprodukten (Derivaten), der Senkung der Eigenkapitalquote der Banken, führte schließlich auch zur Finanz- und Wirtschaftskrise 2007, die als „Hypothekenkrise“ („Subprimekrise“) in den USA begann.  

Zur aktuell noch andauernden Eurokrise nennt die Autorin vier Ursachen. Erstens ist gleich zu Beginn der Bildung der Euro-Zone zu viel  billiges Geld in die Euro-Mitglieder in Südeuropa und nach Irland geflossen, das zur Überschuldung geführt hat. In den letzten Jahren hat sich dann gezeigt, dass die Staatsanleihen für die kleineren Länder wegen der vermuteten Risiken zu teuer waren. Die Wettbewerbsfähigkeit dieser kleineren Staaten hat sich drittens weiter verschlechtert weil vor allem  Länder wie Deutschland und  Österreich zu viele Exportüberschüsse angehäuft haben. Schließlich hat viertens der Sparkurs, in Deutschland durch die Etablierung der Agenda 2010,  die wiederum wesentlich zu einer zu geringen Lohnentwicklung  beigetragen hat, diese Eurokrise mit verursacht.

Es folgt ein Ausblick  der Autorin mit einer Reihe von Forderungen zur Finanz- und Steuerpolitik, wie sie auch beispielsweise im Wahlprogramm der Partei Die Linke zu finden sind. Ulrike Herrmann prognostiziert einen aufgrund der Ressourcenverknappung zu erwartenden Niedergang des Kapitalismus. Sie führt einige Maßnahmen auf, die eine geordnete Transformation in eine sozial gerechte und ökologisch verträgliche Kreislaufwirtschaft ermöglichen sollen. 

Das Buch der „Sieg des Kapitals“ , macht überzeugend deutlich, dass der Kapitalismus nicht nur  zur exzessiven Ausbeutung der Natur, zur Zerstörung von Landschaften, zur Missachtung und Vernichtung von kulturellem Erbe und zu eklatanten Ungerechtigkeiten, sondern auch zur Entsolidarisierung der Menschen, zu einer Erosion der Demokratie und letztlich auch immer wieder zu  Gewaltanwendung und zu  Kriegen geführt hat.  

Ulrike Herrmann: Der Sieg des Kapitals, Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen, 288 Seiten, 2013, 19,99 Euro

Klaus Peters

Auch Abdruck in: Gegenwind 319, April 2015, S. 64-65

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