Bericht & Analyse: G8-Großdemonstation in Rostock

 

Dieser Bericht gibt unseren Eindrücken von der internationalen Großdemonstration in Rostock am Samstag, den 2. Juni 2007 wieder. Zudem analysieren wir die Geschehnisse und Medienberichterstattung. Dieser Text ist von zwei Mitgliedern des Koordinierungskreises von attac Marburg verfasst.

Am vergangenen Samstag haben in Rostock 80.000 Menschen bis auf wenige Ausnahmen (<1%) friedlich mit bunten Aktionen gegen den bevorstehenden G8-Gipfel protestiert. Die internationale Großdemonstration wurde von einem breiten gesellschaftlichen Bündnis getragen, das von christlichen Gruppen und NGOs bis zu linksradikalen Gruppen reicht. Dieses Bündnis hatte im Vorfeld eine gemeinsame Arbeitsgrundlage beschlossen zu der u.a. die Beschränkung auf gewaltfreie Aktionen gehört. Am Rande der Demonstration kam es zu sehr gewalttätigen Ausschreitungen.

GEISTERSTADT ROSTOCK

Auch aus Marburg waren mehrere hundert Personen nach Rostock gekommen. Am Samstag glich Rostock einer Geisterstadt. Weite Teile der Innenstadt waren für den Verkehr gesperrt, alle Geschäfte entlang der Demoroute waren geschlossen und teilweise verbarrikadiert, die Stadt war menschenleer. Die Atmosphäre passte zu der in den Wochen zuvor u.a. durch Razzien aufgebauten Kriminalisierung der Anti-G8-Bewegung und stand in krassem Gegensatz zu der weitgehend friedlichen Demonstration: Die Demonstationsteilnehmer hatten unzählige Themen in Form von Transparenten, Riesenpuppen und Aktionen aufbereitet. Selten haben wir eine Demonstation mit einer so hohen Dichte an Fahnen, Bannern, etc. gesehen.

DEMONSTRATION

Via Campesina, ein weltweites Netzwerk von Bauern und Bäuerinnen, Landlosen und LandarbeiterInnen, machte mit einer riesigen Raupe Nimmersatt auf die Patentierwut von Monsanto und anderen aufmerksam. Die Riesen "Entwicklungsland", "Umwelt" und "Arbeiter" der Kampagne "Gerechtigkeit jetzt!" durchbrachen unter Trommelbegleitung symbolisch einen riesenhaften Sperrzaun. Greenpeace brachte die Notwendigkeit von konkreten CO2-Reduktionsplänen anhand von griesgrämig dreinschauenden schwebenden Schneemännern zum Ausdruck. Die Stimmung war gut.

GEWALT

Kurz vor Erreichen des Platzes der Schlusskundgebung und der anschließenden Konzerte kam es zu Ausschreitungen einiger Demonstranten. Es begann damit (so lauten diverse Berichte übereinstimmend), dass aus dem Demoblock "Make Capitalism History" der Interventionistischen Linken (IL) ein Polizeibus, der mit zwei Polizisten besetzt war, angegriffen wurde. Die Zeit bis der Bus wegfuhr reichte aus, um Scheiben zu zerbrechen und nach Aussagen der Polizei die Polizisten zu verletzen. Kurze Zeit später wurden Gehwegplatten zerbrochen und Steine auf die Polizei geschmissen. Die Polizei griff ein, dies traf auch Unbeteiligte. Die Situation schaukelte sich auf. Ein Auto wurde angezündet. Der genaue Ablauf ist schwer zu rekonstruieren. Unbestritten ist, dass die ersten Agressionen von den Demonstranten ausgingen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt rückte die Polizei mit Wasserwerfer-LKWs an. Spätestens zu diesem Zeitpunkt verlor die Polizei das Maß und spritzte mit Tränengas gemischtes Wasser wahllos in die Menge.

Die gewalttätigen Personen aus dem IL-Block gehörten bisherigen Erkenntnissen keiner Gruppe an, die an den Vorbereitungen zum G8-Gipfel beteiligt war.

Zum Verlauf der Demo gibt es von attac zwei Stellungnahmen:

TEILNEHMERZAHLEN

Die von der Polizei schon vor Beginn der Demonstration genannte Teilnehmerzahl von 25.000 war extrem untertrieben, die von den Veranstaltern genannte Zahl von 80.000 Teilnehmern kommt der Realität wesentlich näher. Unabhängige Beobachter schrieben von 50-60.000.

PRESSEBERICHTE

Neben ausgewogener Berichterstattung in Tagesschau, Tagesthemen und Deutschlandfunk wurde nicht nur von der Bildzeitung reißerisch über die Gewalt berichtet und die übrige Demonstation ignoriert. Als besonders realitätsverzerrend sind dpa, Spiegel Online und die FR zu nennen. Einige Beispiele:

  • Angeblich soll ein Redner von der Bühne zu mehr Gewalt aufgerufen haben. Dies wurde als ein (mutwilliger?) Übersetzungsfehler entlarvt (attac PE, Blog Spiegelfechter).
  • U.a. die FR nennt nur die von der Polizei angegebene Teilnehmerzahl und weist diese nicht als solche aus.
  • Es wird von "bis zu 3000 gewalttätigen Autonomen" gesprochen, die sich Scharmützel mit der Polizei lieferten. Tatsächlich hatte der IL-Block insgesamt ca. 3000 Teilnehmer von denen nur eine kleine Minderheit gewalttätig wurde. Alle Mitglieder des IL-Blocks, an dem auch viele Marburger teilnahmen, als "Gewalttäter" zu bezeichnen ist vollkommen ungerechtfertigt.
  • -> Rechnet man die Zahlen zusammen ergeben sich ganz unterschiedliche Dimensionen: Waren 3.000 von 30.000 gewalttätig, wären das ca. 10% der Demonstranten gewesen. Unsere Einschätzungen und die anderer Augenzeugen gehen von wenigen Hundert (500) aus. Das sind bei sehr konservativ geschätzten 50.000 Teilnehmern dann 1%.
  • Es wird von 1000 Verletzten gesprochen. Kaum zur Sprache kommt, dass der aller größte Teil wegen Tränengaskontakts behandelt werden musste.

VORGEHEN DER POLIZEI & INTERESSEN DER POLITIK

Wir waren überrascht, dass es bei der Demo zu so langanhaltenden Auseinandersetzungen zwischen den 16.000 Polizisten und den gewalttätigen Demonstanten kam und dass die Situation überhaupt so eskalieren konnte. Wir halten die von einem Augenzeugen bei Indymedia geäußerte Vermutung für plausibel, dass der Politik und Polizei die Gewaltausbrüche sehr gelegen kamen und diese evtl. sogar bewusst eskaliert wurden, um die Kriminalisierung im Vorfeld und weiteres hartes Durchgreifen in den folgenden Tagen zu legitimieren. Dies scheint aufgrund der Ereignisse beim G8-Gipfel in Genua 2001 nicht weit hergeholt. U.a. wurden damals agents provocateurs eingesetzt:

AUSBLICK

Wir hoffen, dass in den kommenden Tagen die Breite der Proteste und unsere Anliegen bei der Bevölkerung ankommt und nicht durch die Kriminalisierung unseres legitimen Protests überschattet wird. Als alternative Informationsquellen empfehlen wir:

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