Wissensallmende statt Privatisierung

 

Vortrag und Diskussion mit Petra Buhr (Netzwerk Freies Wissen)

am Mittwoch, den 23. Mai 2007 um 20:00 Uhr im Weltladen, Markt 7, 35037 Marburg

Die Bundesregierung hat angekündigt, dass die sog. „geistigen Eigentumsrechte“, besser geistige Monopolrechte genannt, ein Schwerpunkt des G8-Gipfels sein werden, der vom 6. bis 8. Juni 2007 in Heiligendamm stattfindet. Aber was ist das eigentlich, und warum sollte uns das Thema interessieren?

Demonstration gegen P2P-Kriminalisierung in Frankreich
Demonstration gegen die Kriminalisierung von P2P-Usern in Frankreich

Geistige Eigentumsrechte gewähren ihren Inhabern, zeitlich begrenzte Monopole auf Wissen und Informationen. Dabei kann es sich um Urheberrechte, Patente, Markenschutzrechte, den Schutz des Designs integrierter Schaltkreise etc. handeln. Da Wissen – sobald es einmal geschaffen wurde – mit modernen Technologien relativ leicht kopiert werden kann, ist es de facto im Überfluss vorhanden. Im Kapitalismus können aber nur Güter zur Ware werden, bei denen Knappheit herrscht. Deshalb muss Wissen künstlich verknappt werden. Das geschieht rechtlich mit geistigen Monopolrechten und technisch mit Hilfe von Kopierschutz und DRM (Digital Rights Management) für digital gespeicherte Inhalte oder auch mit Terminatorgenen bei Pflanzen, die Saatgut unfruchtbar machen. In den letzten Jahrzehnten wurden diese Monopolrechte massiv ausgeweitet und die Zugangsrechte zur Wissensallmende, also dem frei verfügbaren Wissen der Welt, immer weiter eingeschränkt.

Strichcode

Dies geschah v.a. im Interesse der großen transnationalen Konzerne, besonders aus der Medien- und Biotechnologiebranche. Als Resultat dieser Entwicklung haben die Verbände der Unterhaltungsindustrie (RIAA, MPAA, IFPI etc.) weltweit mehr als 180.000 Nutzer von Tauschbörsen verklagt, deren einziges „Verbrechen“ darin bestand, Inhalte zu rein privaten, nichtkommerziellen Zwecken getauscht zu haben. Auch hier ist Deutschland mit mehr als 100.000 Klagen „Weltmeister“.

Neem
Patentiert! - Der Neem Baum

Geistige Monopolrechte werden von transnationalen Konzernen auch als Waffe gegen die Konkurrenz aus Entwicklungsländern oder der freien Software wie Linux genutzt. Hierfür einige Beispiele: So stoppten mehrere westliche Elektronikkonzerne den Import billiger DVD-Player aus China in die EU, weil die dortigen Hersteller keine Patente zu deren Produktion erworben hatten. Sie erteilten sich selbst gegenseitig günstige Lizenzen, verlangten von Herstellern aus China jedoch exorbitant hohe Lizenzgebühren pro Gerät. Damit waren die Geräte trotzt der Billiglöhne in China nicht mehr konkurrenzfähig. Die gleichen westlichen Firmen lassen aber ihre eigenen DVD-Player selbst in China fertigen; verkaufen sie aber in Europa erheblich teurer, als die chinesische Konkurrenz.

CD-Zerstörung
Vernichtung von “illegalen” CDs in Brasilien

Die USA veröffentlichen jährlich einen sog. Special 301 Report, wo sie die den Schutz des geistigen Eigentums in allen Ländern der Erde bewerten und anderen Regierungen Ratschläge erteilen oder Noten geben. Sie verlassen sich dabei auf Zahlen, die von Lobbyorganisationen der Unterhaltungsindustrie geliefert werden. Die BSA (Business Software Alliance) berechnet z.B. die Pirateriequote eines Landes dadurch, indem sie die Anzahl der verkauften Computer mit der Anzahl der verkauften Lizenzen von Microsoft Windows vergleicht. Jede Linuxinstallation zählt so als Softwarepiraterie. Venezuela hat z.B. in den letzten Jahren ein ehrgeiziges Programm gestartet, alle von der Regierung und von staatlichen Unternehmen genutzten Rechner auf Linux umzustellen, was zur Folge hat, dass zumindest in diesem Sektor kaum noch Lizenzen für Windows nachgefragt werden. Das wiederum treibt die „Pirateriequote“ der BSA hoch und führte u.a. dazu, dass Venezuela im Jahr 2007 auf die Special-301-Watchlist der schlimmsten „Copyright-Schurkenstaaten“ gesetzt wurde, was die US-Regierung ermächtigt, Handelssanktionen zu verhängen.

Wenn die G8 Druck auf Entwicklungsländer ausüben wollen, geistige Eigentumsrechte einzuhalten, dann betreiben sie in Wirklichkeit Interessenpolitik zugunsten „ihrer“ Konzerne, die nun die Möglichkeit haben, Konkurrenz auf dem Weltmarkt auszuschalten und rentenartige Einkommen in Form von Lizenzen einzustreichen. Dies belastet besonders Firmen in den Entwicklungsländern. Der Bevölkerung sowohl in den Industrie- als auch den Entwicklungsländern hat aber davon keine Vorteile. Sie wird stattdessen mit steigender Überwachung und Kriminalisierung konfrontiert und muss im Interesse der Großkonzerne mit immer geringeren Löhnen und Sozialleistungen auskommen.

Die Referentin Petra Buhr wird den derzeitigen Stand und die Probleme der Politik im Bereich Freien Wissens vorstellen und auch auf Alternativen zur immer weiter fortschreitenden Privatisierung von Wissen und Information eingehen.

Petra Buhr ist Gründungsmitglied und Koordinatorin der NGO „Netzwerk freies Wissen“ aus Berlin.

Eine Veranstaltung von Attac Marburg in Zusammenarbeit mit dem Marburger Bündnis gegen G8.

Ort: Weltladen, Markt 7, 35037 Marburg Zeit: Mittwoch, der 23. Mai 2007 20:00 Uhr

Bilder: Wikipedia.de


Leider hat die Referentin aus gesundheitlichen Gründen abgesagt, dafür haben Aktive von Attac Marburg den Vortrag gehalten.

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