Magdeburg

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Zum Jahreswechsel

eine "Neujahrsansprache"

Die vier archimedischen Punkte

Erich Kästner

In den Wochen vor und nach der Jahreswende pflegt es Ansprachen zu schneien.
Sie senken sich sanft, mild und wattig auf die raue Wirklichkeit, bis diese einer wärmstens empfohlenen, überzuckerten und ozonreichen Winterlandschaft gleicht. Doch mit dem Schnee, wie dicht er auch fällt, hat es seine eigene Bewandtnis – er schmilzt. Und die Wirklichkeit sieht nach der Schmelze, mitten im schönsten Matsch, noch schlimmer aus als vor dem großen Schneetreiben und Ansprachengestöber. Was war, wird nicht besser, indem man’s nachträglich lobt. Und das, was kommt, mit frommen Wünschen zu garnieren, ist Konditorei, nichts weiter. Es hat keinen Sinn, sich und einander die Taschen voll zu lügen. Sie bleiben leer.
Es hat keinen Zweck, die Bilanz zu frisieren. Wenn sie nicht stimmt, helfen keine Dauerwellen.
Rundheraus: das alte Jahr war keine ausgesprochene Postkartenschönheit, beileibe nicht. Und das neue? Wir wollen’s abwarten. Wollen wir’s abwarten?
Nein. Wir wollen es nicht abwarten! Wir wollen nicht auf gut Glück und auf gut Wetter warten, nicht auf den Zufall und den Himmel harren, nicht auf die politische Konstellation und die historische Entwicklung hoffen, nicht auf die Weisheit der Regierungen, die Intelligenz der Parteivorstände und die Unfehlbarkeit aller übrigen Büros. Wenn Millionen Menschen nicht nur neben-, sondern miteinander leben wollen, kommt es auf das Verhalten der Millionen, kommt es auf jeden und jede an, nicht auf die Instanzen. Das klingt wie ein Gemeinplatz, und es ist einer. Wir müssen unser Teil Verantwortung für das, was geschieht, und für das, was unterbleibt, aus der öffentlichen Hand in die eigenen Hände zurücknehmen. Wohin es führt, wenn jeder glaubt, die Verantwortung trüge der sehr geehrte, wertgeschätzte Vordermann und Vorgesetzte, das haben wir erlebt. So weit wir’s erlebt haben ….
Ich bin ein paar Jahre älter als ihr, und ihr werdet ein paar Jahre länger leben als ich. Das hat nicht viel auf sich. Aber glaubt mir trotzdem: wenn Unrecht geschieht, wenn Not herrscht, wenn Dummheit waltet, wenn Hass gesät wird, wenn Muckertum sich breit macht, wenn Hilfe verweigert wird - stets ist jeder Einzelne zur Abhilfe mit aufgerufen, nicht nur die jeweils ‚zuständige’ Stelle.
Jeder ist mitverantwortlich fĂĽr das, was geschieht, und fĂĽr das, was unterbleibt.
Und jeder von uns und euch muss es spüren, wann die Mitverantwortung neben ihn tritt und schweigend wartet. Wartet, dass er handele, helfe, spreche, sich weigere oder empöre, je nachdem. Fühlt er es nicht, so muss er’s fühlen lernen.
Beim Einzelnen liegt die groĂźe Entscheidung.
Aber wie kann man es lernen? Steht man nicht mit seinem BĂĽndel Verantwortung wie in einem Wald bei Nacht? Ohne Licht und Weg, ohne Laterne, Uhr und Kompass?
Ich sagte schon, ich sei ein paar Jahre älter als ihr. Und wenn ich bisher auch noch nicht, noch immer nicht gelernt habe, welche Partei, welche Staatsform, welche Kirche, welche Philosophie, welches Wirtschaftssystem und welche Weltanschauung ‚richtig’ wären, so bin ich doch nie ohne Kompass, Uhr und Taschenlampe in der Welt herum gestolpert. Und wenn ich mich auch nicht immer nach ihnen gerichtet habe, so war’s gewiss nicht ihr, sondern mein Fehler.
Archimedes suchte für die physikalische Welt den einen festen Punkt, von dem aus er sich’s zutraute, sie aus den Angeln zu heben. Die soziale, moralische und politische Welt nicht aus den Angeln, sondern in die rechten Angeln hinein zu heben, dafür gibt es in jedem von uns mehr als einen archimedischen Punkt.
Vier dieser Punkte möchte ich aufzählen:
Punkt 1.: Jeder Mensch höre auf sein Gewissen! Das ist möglich, denn er besitzt eines. Diese Uhr kann man weder aus Versehen verlieren noch mutwillig zertrampeln. Diese Uhr mag leiser oder lauter ticken – sie geht stets richtig. Nur wir gehen manchmal verkehrt.
Punkt 2.: Jeder Mensch suche sich Vorbilder! Das ist möglich, denn es existieren welche. Und es ist unwichtig, ob es sich dabei um einen großen toten Dichter, um Mahatma Gandhi oder um Onkel Fritz aus Braunschweig handelt, wenn es nur ein Mensch ist, der im gegebenen Augenblick ohne Wimpernzucken das gesagt oder getan hätte, wovor wir zögern. Das Vorbild ist ein Kompass, der sich nicht irrt und uns Weg und Ziel weist.
Punkt 3.: Jeder Mensch gedenke immer seiner Kindheit! Das ist möglich, denn er hat ein Gedächtnis. Die Kindheit ist das stille, reine Licht, das aus der Vergangenheit tröstlich in die Gegenwart und Zukunft hinüber leuchtet. Sich der Kindheit wahrhaft erinnern, das heißt: plötzlich und ohne langes Überlegen wieder wissen, was echt und falsch, was gut und böse ist. Die meisten vergessen ihre Kindheit wie einen Schirm und lassen sie irgendwo in der Vergangenheit stehen. Und doch können nicht vierzig, nicht fünfzig spätere Jahre des Lernens und Erfahrens den seelischen Feingehalt des ersten Jahrzehnts aufwiegen. Die Kindheit ist unser Leuchtturm.
Punkt 4.: Jeder Mensch erwerbe sich Humor. Das ist nicht unmöglich, denn immer und überall ist es einigen gelungen. Der Humor rückt den Augenblick an die richtige Stelle. Er lehrt uns die wahre Größenordnung und die gültige Perspektive. Er macht die Erde zu einem kleinen Stern, die Weltgeschichte zu einem Atemzug und uns selber bescheiden. Das ist viel. Bevor man das Erb- und Erzübel, die Eitelkeit, nicht totgelacht hat, kann man nicht beginnen, das zu werden, was man ist: ein Mensch.
Vier Punkte habe ich aufgezählt, dass ihr von ihnen aus die Welt, die aus den Fugen ist, einrenken helft: das Gewissen, das Vorbild, die Kindheit und den Humor. Vier Angelpunkte. Vier Programmpunkte, wenn man so will. Und damit habe ich unversehens selber eine der Ansprachen gehalten, über die ich mich eingangs lustig machte. Es lässt sich nicht mehr ändern, höchstens und konsequenterweise auf die Spitze treiben, indem ich, anderen geschätzten Vorund Festrednern folgend, mit ein paar Versen schließe, mit einem selbst- und hausgemachten Neujahrsspruch: Man soll das Jahr nicht mit Programmen beladen wie ein krankes Pferd. Wenn man es allzu sehr beschwert, bricht es zuguterletzt zusammen. Je üppiger die Pläne blühen, um so verzwickter wird die Tat. Man nimmt sich vor, sich schrecklich zu bemühen, und schließlich hat man den Salat. Es nützt nicht viel, sich rot zu schämen. Es nützt nichts und es schadet bloß, sich tausend Dinge vorzunehmen.

Lasst das Programm und bessert euch drauf los.

de.wikipedia.org/wiki/%E2%80%A6_was_nicht_in_euren_Leseb%C3%BCchern_steht

Magdeburger Volksstimme

Einst war diese Zeitung "unabhängig und überparteilich", heute dient sie überwiegend den Profitmaximierungsinteressen ihrer Eigentümer in Form der Bauer-Verlagsgruppe. Die Gewerkschaft ver.di schrieb dazu in einer Pressemiteilung am 25.03.2011 wie folgt:

Der Klassenkampf mit dem Handelsregister geht in die nächste Runde

Heinz Heinrich Bauer führt seinen Verlag in der vierten, mit seinen Töchtern bereits in der fünften Generation. Weltweit erscheinen aus seinem Imperium 120 Zeitungen und Zeitschriften. 31 davon auf dem deutschen Markt. Unter diesen auch die Tageszeitung „Magdeburger Volksstimme“.

Nachdem Mitte Januar diesen Jahres 19 Drucker und Helfer des Druckzentrums Barleben durch Leiharbeitnehmer der Rolf Weeke Personal GmbH ausgetauscht wurden, trifft es jetzt auch die Regionalredaktionen. Das Vorgehen zeigt das gleiche Muster. Eine neue Firma wird gegründet, die innerhalb weniger Tage ihre Arbeit auf- und die Aufträge der bisherigen Regionalredakteure übernimmt. Die Redakteure stehen von heute auf morgen mit dem Rücken an der Wand und vor der Entscheidung, die dramatisch schlechteren Verträge anzunehmen oder aber sich ins Heer der Erwerbslosen einzuordnen. Unliebsame Mitarbeiter, die sich schon mal kritisch äußerten, wird ohne Umschweife auf direktem Wege der Stuhl vor der Tür gestellt.

Die Löhne der Drucker halbiert, die Gehälter der Redakteure minimiert.
Zahlt nun auch der Abonnent und Leser nur die Hälfte des Preises? Nein!
Es geht es dem Verleger nicht darum die Kosten zu senken, weil er die Zeitung mit einem geringen Preis anbieten will. Es geht ihm nicht darum, dass Empfänger geringer Löhne in Sachsen-Anhalt sich die Volksstimme leisten können.
Der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger Heinz Heinrich Bauer hat nur die Steigerung seiner Gewinnmarge im Auge.

Kann man noch annehmen, dass dort wo Volksstimme draufsteht, wirklich noch Volksstimme drin ist? Auf der Homepage feiert der Verlag „120 Jahre Volksstimme“. Seitenweise dürfen sich Redakteure unter dem Motto „wir machen die Zeitung“ vorstellen. Welch Verlogenheit und Arroganz zeigt diese Unternehmerstrategie!

„Diese Praktiken sind auch ein Angriff auf die Pressefreiheit und die Meinungsvielfalt in Sachsen-Anhalt“, kritisiert Michael Kopp, ver.di Fachbereichsleiter Medien, Kunst und Industrie. „Unter solchen Arbeitsbedingungen und solchem existenziellen Druck verkommt die freie Berichterstattung einer Tageszeitung zur Farce. Gestern die Drucker, heute die Lokalredakteure und morgen alle Redakteurinnen und Redakteure?“

Ver.di protestiert gemeinsam mit den Beschäftigten auf` das Schärfste!
Die am 20. März 2011 neu gewählten Landespolitiker in Sachsen-Anhalt fordert ver.di auf, solchen Unternehmenspraktiken nicht untätig zuzusehen. Es muss verhindert werden, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch im Medienbereich in Sachsen-Anhalt ausgepresst werden wie Zitronen und das Bundesland zum „Billigheimer“ der Bundesrepublik Deutschland verkommt. Ein grundsätzliches Umdenken in Politik, Gesetzgebung und Wirtschaft ist notwendig.download PM

 

Wer soll, bei dem quasi-Monopol der Volksstimme, auch darĂĽber Berichten, ? auĂźer z.B. und einzelne Blogger.

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01.04. Praktikum zu vergeben

attac MD needs YOU!

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