Ungeheuer von Loch Ness wieder gesichtet: „Antisemitismus“ bei Attac
von Peter Wahl
Es ist wie mit dem Ungeheuer von Loch Ness: zwar existiert es nicht, aber es gibt periodisch immer wieder Leute, die behaupten, es gesehen zu haben.
Genauso läuft es mit dem „Antisemitismus“ bei Attac. Mit dem Crash auf den Finanzmärkten kramen einige Attacies, die sich für theoretisch oder gar marxistisch gebildet halten, wieder mal die Thesen der Antideutschen oder ihrer ideologischen Vettern, den Werttheoretikern aus. Demzufolge
- unterscheide Attac zwischen raffendem und schaffendem Kapital, eine Formulierung, die bei den Nazis beliebt war, und/oder
- hinge einer SĂĽndenbocktheorie an, wonach die Banker bzw. deren Gier am Crash schuld seien.
Das mobilisiere Ressentiments und sei verkürzte Kapitalismuskritik. Und die wiederum sei bekanntlich antisemitisch, oder zumindest anschlussfähig an den Antisemitismus. Soweit die antideutschen bzw. werttheoretischen Klischees.
Das raffende Kapital
Zunächst zum raffenden Kapital: es gibt keinen einzigen Text von Attac, in dem diese Formulierung auftaucht. Dennoch scheint einer der ältesten und primitivsten Rezepte politischer und anderer Reklame bei einigen Attacies gut zu funktionieren: wiederhole eine Behauptung nur immer wieder gebetsmühlenhafte - irgendwann glauben es einige.
Okay, sagen dann die Schlauberger, das mit dem raffenden und schaffendem Kapital verwendet Ihr tatsächlich nicht, aber Ihr redet vom Unterschied zwischen Realwirtschaft und Finanzsystem/Finanzmärkten. Das läuft auf das Gleiche hinaus.
Ja, genauso gleich wie Sozialismus auf nationalen Sozialismus hinausläuft. Die PISA Bildung merkt man auch auf der Linken. Von Totalitarismusideologie und dem Schmarrn „les extrêmes se touchent“ noch nie nix gehört. Als ob das kleine Adjektiv national nicht die Differenz ums Ganze ausmachte. So wie die Differenz von Mein und Dein, zwischen der sogar nur ein einziger Buchstabe liegt. Als ob exaktes Sprechen nicht zählen würde. Wie genau man spricht (oder schreibt), so denkt man – und umgekehrt.
Tatsache ist, dass die Unterscheidung zwischen Realwirtschaft und Finanzsystem bzw. Realkapital und Finanzkapital sich bereits bei Marx findet. Insbesondere im Dritten Band des Kapitals entwickelt er vieles zum Finanzkapital. So spricht er u.a. von der Dynamik des Geldkapitals als wertheckendem Wert im Gegensatz zu Mehrwert produzierendem Kapital. „Dieser Prozess ist sehr verschieden von der wirklichen Verwandlung in Kapital“ und kann „Momente ausrücken, die von der wirklichen Akkumulation sehr verschieden sind“ (MEW 25, 523f). Wirklich kann man auch mit dem lateinischen Fremdwort real ausdrücken. Daher der Begriff Realwirtschaft.
Aber selbst olle Karl ist nicht der erste, der diese Unterscheidung trifft, auch wenn er sie theoretisch vertieft. Nach ihm haben Luxemburg, Hilferding, Lenin u.v.a. mit dieser Unterscheidung gearbeitet, ebenso wie der ökonomische Mainstream - früher die Keynesianer und später die Neoklassik. Auch in der (neo-)marxistischen Theorie vom finanzmarktgetriebenen Akkumulationsregime (die unsere Schlauberger anscheinend nie adäquat rezipiert haben), ist sie von zentraler Bedeutung.
Die Unterscheidung macht auch unbedingt Sinn für eine Analyse des Kapitalismus, die über Platitüden, wie dass alle Ökonomie vom Profitprinzip angetrieben wird, hinausgeht. Das macht der Kapitalismus nämlich seit 500 Jahren.
Dabei ist natürlich zu unterscheiden: die Dynamik des Finanzkapitals und dessen institutionelle Verfassung. Porsche produziert zwar tolle Autos – das ist Realwirtschaft. Aber das meiste Geld macht Porsche mit seinen VW-Aktien. Oder Siemens: Investmentbank (ideologiekritisch besser: Spekulationsbank) mit angehängter Bügeleisenproduktion. Realkapital und Finanzkapital sind also zwei verschiedene Kategorien, wenn auch in einem übergreifenden Ganzen. Dialektik von Allgemeinem und Besonderem würde Hegel sagen. So wie es einen Unterschied zwischen der Produktion von Gummibärchen und Panzern gibt, auch wenn beide kapitalistische Produktion sind.
Was die Nazis gemacht haben: sie haben das Finanzkapital mit den Juden gleichgesetzt. Das ist sachlich so schlĂĽssig, wie den tendenziellen Fall der Profitrate mit dem Buddhismus, oder die Mehrwertproduktion mit dem Katholizismus. So was wie ein evangelischer GĂĽterbahnhof.
There is enough for everybody’s need –
but not enough for everybody’s greed (Gandhi)
Gier ist menschlich. Jede und jeden kann sie überkommen – unabhängig vom sozialen Status. Man muss nur mal das Verhalten des Homo sapiens am Frühstücksbuffet eines Hotels beobachten.
Aber es ist natürlich ein gewaltiger Unterschied, ob Emma Normalverbraucherin beim Sommerschlussverkauf nach Schnäppchen jagt – das ist volkswirtschaftlich vergleichsweise marginal – oder ob der Long Term Capital Fund sich verspekuliert, und damit eine systemische Krise des Bankensektors hervorruft. Die Strukturen machen es, in denen Gier marginal ist - oder auch nicht.
Natürlich gibt es Gier bei Bankern oder Fondsmanagern. Und natürlich ist sie eine Determinante individuellen und kollektiven Verhaltens – wenn auch nicht die einzige und auch nicht die wichtigste. Gier ist nichts anderes als die verhaltenspsychologische Konkretisierung dessen, was strukturalistisch und abstrakt als Profitprinzip bezeichnet wird. Falsch wird die Rede von der Gier dort, wo sie zur alleinigen und/oder entscheidenden Ursache erklärt wird. Aber das tut Attac ja auch nicht. In der Erklärung „Das Casino schließen“ (www.casino-schliessen.de/forderungen) heißt es schon im dritten Satz: „Was wir derzeit erleben, ist das völlige Versagen des neoliberalen Finanzmarktsystems.“ Ausdrücklich wird auf die Verantwortung der Politik, d.h. des Staates für die Krise verwiesen und „vor allem“ die „Tatenlosigkeit der Politik“(1) kritisiert. Gier wird hier eingeordnet in ihren strukturellen, systemischen Zusammenhang: „Mit diesem System, das es den Zockern an den Finanzmärkten erlaubt, in ihrer Gier nach Profiten den Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften zu riskieren, muss endlich Schluss ein.“
Die Kritik an der Erklärung verfährt nach der Methode: zitiere nur solche Sätze, die Du selbst aus dem Zusammenhang gerissen hast.
Heuschrecken aushungern
Selten, seitdem man den Kapitalismus als Wolfsgesellschaft beschrieben und Brecht seinen Song von dem Haifisch mit den Zähnen geschrieben hat, wurde für ein Geschäftsmodell, nämlich das der Private Equity Fonds, eine so treffende Tiermetapher gefunden. Auch wenn Münte ansonsten ein krummer Hund ist und hinterlistig wie eine Schlange, manchmal findet auch ein blindes Huhn ein Korn. Dagegen fällt Helmut Schmidts Rede vom Raubtierkapitalismus deutlich ab, auch wenn man dem alten Fuchs hier zugute halten muss, dass er politisch aufs richtige Pferd setzt.
Jedenfalls empfehle ich jungen Attacies, auf den Antisemitismusvorwurf der Antideutschen und Werttheoretiker nicht zu reagieren, wie das Kaninchen auf die Schlange. Beide, Werttheoretiker wie Antideutsche, sind theoretische Schafe in marxistischem Wolfsfell, auch wenn sie sich untereinander manchmal wie Hund und Katz benehmen. Letztlich hackt aber keine Krähe der anderen... naja, ihr wisst schon.
Beide treiben mit dem Antisemitismusvorwurf Schindluder und haben sich inzwischen völlig vergaloppiert (Achtung Trenkle: Tiermetapher in Verbform! Die unregelmäßige Art der Fortbewegung evoziert das Hinken des Pferdefußes. Ganz so wie die Synkope im Alberichmotiv von Wagners Rheingold - 1. Akt zweite Szene. Typisches Bild aus der Ikonographie des Antisemitismus, die den Juden als hinkend, mit Pferdefuß und damit als Teufel halluziniert, wie Ebermann formulieren würde. Ist das nicht eine Steilvorlage für eine Eingruppierung mindestens in tertiären oder quartären Antisemitismus?).
Wer sich den Antisemitismusbegriff so zurechtmanipuliert, dass Attac und die Devisentransaktionssteuer genauso drunter passen, wie Eichmann und die Gaskammern, betreibt Scharlatanerie. Und er erweist dem Kampf gegen den Antisemitismus einen Bärendienst.
Also, lasst Euch nicht zum Affen machen. Packt den Stier bei den Hörnern und lasst Euch von diesen trojanischen Eseln des naked shortsellings und anderer highly leveraged institutions nicht beeindrucken, auch wenn ihre Texte einherstolzieren wie Pfauen.
Und: lest doch mal die BroschĂĽre des Wissenschaftliche Beirats (im Attac Webshop).
Da kann man, angefangen von Postone, dem theoretischen Vater unseres Ungeheuers von Loch Ness, bis zu zum sekundären Antisemitismus so manches über das Thema lernen.
In einem Club, der mich in seinen Reihen hat, wĂĽrde ich nicht Mitglied sein wollen
Wer kennt es nicht, dieses Bonmot von Groucho Marx! Auf unser Thema angewandt: Der Vorwurf des Antisemitismus ist ungeheuerlich. Innerhalb einer Organisation mit hohen emanzipatorischen Ansprüchen erst recht. Depp, Motherfucker oder Arschloch sind dagegen regelrechte Komplimente. Wenn die Leute, die den Vorwurf erheben, ihn auch wirklich ernst nähmen, wenn auch nur 10% davon wahr wären - mit einem solchen Verein würde ich nichts zu tun haben wollen. Ich wär’ längst draußen. Antisemitismus oder auch nur Nähe dazu können nicht toleriert werden.
Aber ich vermute ohnehin, dass jene, die das Ungeheuer von Loch Ness gesehen haben, genau wissen, dass sie eigentlich nix gesehen haben. Es kommt ihnen ja auch gar nicht auf das Ungeheuer an, sondern darauf in der Zeitung zu stehen. Oder sich im wohligen Gefühl zu suhlen, ein Ungeheuer zu bekämpfen - das es nicht gibt.
Biesdorf, 1.12.2008
(der Text bezieht sich auf einen Artikel von Norbert Trenkle: "Ăśber die tieferliegenden Ursachen der aktuellen Finanzmarktkrise" vom Mai 2008, der im Zuge der Finanzmarkt-Strategiedebatte bekannt gemacht wurde. Zur weitergehenden LektĂĽre empfiehlt Peter Wahl auĂźerdem die BroschĂĽre des wissenschaftlichen Beirats von Attac "Globalisierungskritik und Antisemitismus" sowie seinen Hintergrundartikel "Thesen zur Antisemitismusdiskussion in und um Attac" vom April 2004)
FuĂźnote
1 Das kann man aus anderem Grund kritisieren: es war nicht Tatenlosigkeit, sondern es gab die tatkräftige Beförderung des Neoliberalismus durch die herrschenden Politiker.






