Wer an ein Glas frische Milch denkt, kommt dabei spontan nicht unbedingt auf den Welthandel oder auf Wachstumskritik. Aber seit 2015 sind die Milchpreise in den Keller gefallen. Nach und nach kommt an die Öffentlichkeit, welche Wachstumsversprechen und Export-Verheißungen zu noch viel größeren Ställen und riesigen, neuen Milchpulvertürmen der Molkereien geführt haben. Und wie massiv dabei Bauernhöfe in aller Welt unter Druck geraten.

Mit der Kampagne
„Kühe und Bauern nicht verpulvern!“
zeigen Attac mit dem Schwerpunktthema "Globale Armut & Zerstörung solidarisch überwinden" und Aktion Agrar diese Zusammenhänge auf und streiten für ein Umsteuern, das in den letzten Monaten auch immer stärker von Bäuerinnen und Bauern gefordert wird.

Seit Monaten bekommen Milchproduzent/innen für einen Liter Milch bis zu 20 Cent weniger von den Molkereien, als sie eigentlich benötigen um ihre Kosten zu decken. Das heißt, dass viele Betriebe für die Tierhaltung, also für das Melken, für die Entlohnung ihrer Angestellten etc. deutlich mehr zahlen, als sie durch den Verkauf der Milch erwirtschaften. Schon seit Jahren gaben Molkereien, Agrarindustrie und Politik den Kurs auf Exporte von Milch und Milchpulver vor mit dem Ziel den Weltmarkt zu erobern. Nach dem Auslaufen der Milchquote im Frühjahr 2015, die Obergrenzen der Produktion festgesetzt hatte, sollte deshalb immer mehr und immer billiger produziert werden. Doch das hat dramatische Folgen und wirft viele grundsätzliche Fragen auf.

 

Denn es geht


… um die bäuerliche Landwirtschaft
* Die meisten Milchvieh-Betriebe schreiben zurzeit jeden Monat rote Zahlen, manche Bauern beklagen Verluste von vielen tausend Euro. Früher oder später – und vor allem für kleinere Betriebe schon jetzt – kommt die Frage auf, ob sie überhaupt noch weitermachen können. Das Höfesterben passiert immer schneller.

* Eine Krise wie die jetzige Milchpreiskrise verändert die Dörfer. Mit jedem Hof, der stirbt, geht ein Stück Dorfkultur verloren. Schon seit Jahren versuchen Bauernhöfe, durch größere Kuhherden und größere Milchmengen das Verhältnis zwischen Kosten und Einnahmen zu verbessern. Dies hat allerdings zur Folge, dass die Milchmenge am Markt gesteigert wird.
Der Überschuss wird zu Milchpulver verarbeitet und exportiert oder gelagert. In der jetzigen Krise gehen allerdings auch in einigen der ziemlich großen Betriebe die Lichter aus.
Während bei Schweinen und Hühnern die Agrarindustrie sich schon erschreckend weit durchgesetzt hat, stehen die Kühe noch in sehr unterschiedlichen Ställen und zum größten Teil in bäuerlichen Betrieben. Deutschlandweit leben im Schnitt 50 Kühe auf einem Hof (auch wenn der Durchschnittswert in Niedersachsen auf 80 Tiere gestiegen ist). Diese bäuerliche Struktur ist jetzt in Gefahr.

* Seit Jahren stehen sich ziemlich verschiedene Konzepte für die Zukunft der Landwirtschaft gegenüber. Während Bauernverband und Agrarminister vom Weltmarkt schwärmen und im Export große Gewinnperspektiven sehen, warnen die Arbeitsgemeinschaft für bäuerliche Landwirtschaft und verschiedene Umweltverbände vor dem Ende der bäuerlichen Landwirtschaft bei der Kuhhaltung. Die Molkereien, die auf dem Weltmarkt mithalten wollen, müssen sehr billig an Milch herankommen. Ihnen kommt es deshalb zu Gute, wenn die Höfe zu viel produzieren und sie die Preise drücken können. Während die Verzweiflung in etlichen Betrieben steigt, verzeichnen die größten Molkereien nach wie vor hohe Gewinne.

* Die Biohöfe kommen mit dieser Milchkrise deutlich besser klar als die konventionellen Nachbarn. Sie erhalten eher 20 Cent mehr pro Liter Milch und können damit auch nicht reich werden, aber ihre Kühe über die Runden bringen.
Diese Entwicklung bietet die Chance, dass einige Betriebe mit der entsprechenden Unterstützung auf eine ökologischere Bio-Produktion umstellen und insgesamt regionale Vermarktungsstrukturen verbessern. Aber auch hier gilt es den Bogen nicht zu überspannen und nicht zu viel Milch zu produzieren.


… um die Kühe

* Wenn ein ganzer Bauernhof nur noch auf die billigste Produktion setzt, zahlen die Kühe mit ihrer Gesundheit und ihrer Bewegungsfreiheit. Vor allem die Hochleistungsrassen sind auf maximale Milchgewinnung gezüchtet, sie sind krankheitsanfälliger und müssen wie Hochleistungssportler große Mengen von importiertem Eiweißfutter wie Sojabohnen aus Brasilien fressen, was ihrem Wiederkäuermagen nur begrenzt bekommt. Je größer eine Herde und je dringender die Kostenminimierung, desto weniger kommen die Kühe noch raus auf die Weide. Weidehaltung entspricht aber der Kuh am besten, gefördert wird dadurch  eine flächengebundene Tierhaltung, die auch aus ökologischer Sicht dringend geraten ist.


… um Menschen in der ganzen Welt

* Industrialisierte Kuhhaltung verletzt Menschenrechte.
Zum einen hat der massive Bedarf von Kraftfutter für die Hochleistungstiere die Rodung von Regenwäldern im globalen Süden zur Folge. In vielen Regionen werden Menschen von Flächen vertrieben, die für den Anbau der Futterpflanzen „im Weg“ sind. Angebaut wird dann mit großem Energieaufwand zumeist gentechnisch verändertes Soja, das einmal um die halbe Welt geschippert wird, um in Europa in den Futtertrögen zu landen.
Und die Zerstörung geht weiter in Form des Milchpulvers, das als Vollmilchpulver, als Magermilchpulver und als – vorsätzlich besonders billiges -  mit Pflanzenfetten angereichertes Magermilchpulver die Märkte im globalen Süden überschwemmt. Das europäische Milchpulver kann dabei zum Beispiel in westafrikanischen Ländern so billig verkauft werden, dass die dortigen Rinderzüchter keine Chance mehr haben, ihre Milch zu verkaufen.
Die Industriekuh aus Deutschland erzeugt Hunger, Landflucht und Migration vor allem in Südamerika und Westafrika, wo die Situation durch Freihandelsabkommen und die sogenannten European Partnership Agreements (EPAs) noch verschärft wird.


… um Marktmacht und Ohnmacht

Obwohl vier der fünf größten Molkereien in Deutschland Genossenschaften sind, also eigentlich den Bäuerinnen und Bauern gehören, kritisieren viele Milchviehhalter/innen, dass sie sich als billige Rohstofflieferanten eingeordnet fühlen. Das einzelne Mitglied der Riesen-Genossenschaften hat praktisch keine Chance, bis zur Vorstandsetage durchzudringen.
Die vier größten Molkereien setzen pro Jahr über eine Milliarde Euro um und sie halten eine Vielzahl an eigenen Marken, die im Supermarkt den Eindruck erweckt, es gäbe viel mehr Milchverarbeiter als das der Fall ist.


Forderungen im Detail


Sofortmaßnahme
Es braucht Geld für die Bauern, die jetzt freiwillig ihre Milchmengen reduzieren wollen.
Dafür gibt es aktuell eine gute Möglichkeit: Aus dem letzten Jahr der Milchquote (die im Frühjahr 2015 auslief) sind noch viele Millionen Euro der sogenannten "Superabgabe" da. Es handelt sich dabei um eine Strafzahlung, die Bauern leisten mussten, wenn sie mehr Milch lieferten, als es ihrem Kontingent entsprach.
Allein für Deutschland geht es dabei um eine Summe von über 300 Millionen Euro. Finanziell sollen damit  ausschließlich Höfe unterstützt werden, die an einer freiwilligen Mengenreduktion teilnehmen. Dann können sich Preise wieder stabilisieren und die Bauern bald wieder von der Milchproduktion leben.

Tierschutz und Mengenreduktion

Kühe müssen auf die Weide! Wir fordern eine Qualitätsoffensive und die Erweiterung von Tierschutz- und Weidehaltungsprogrammen.
Die Agrarförderung durch Bund und Länder ist so auszurichten, dass flächengebundene Tierhaltung und Kreislaufwirtschaft wieder zum Regelfall werden. Jede Kuh muss die Möglichkeit haben, auf der Weide zu grasen. „Flächengebunden“ heißt dabei, dass die Anzahl der Tiere dem Land entspricht, das ihnen Futter liefert und ihren Dünger aufnimmt. Eine Kreislaufwirtschaft, bei der die Ausscheidungen der Tiere die Bodenqualität verbessern und der Boden das Tierfutter liefert, ist innerhalb eines Betriebes möglich, auch innerhalb benachbarter Betriebe. Ziel muss eine regionalere, tiergerechtere und ökologischere Tierhaltung sein.

Fairness und Transparenz

Wenn "fair" draufsteht, muss auch "fair" drin sein. Viele Verbraucher/innen wollen bäuerliche Landwirtschaft mit ihrem Einkauf unterstützen, dafür müssen sie aber erstmal wissen, woher die Butter kommt und wie die Milch produziert wurde. Wir fordern eine umfassende Transparenz über die Produkte im Laden. Begriffe wie "regional" und "Weidehaltung" sind zu schützen, sodass sie nicht missbräuchlich verwendet werden können.

Abkehr vom Export
Wir fordern den Abschied von der Export-Illusion: Wir brauchen eine bedarfsgerechte Milchproduktion statt Pulver für den Weltmarkt. Milchpulver wird als anonymes Massenprodukt auf die Märkte anderer Länder gepumpt und zerstört dort die Landwirtschaft. Die Bundesregierung muss sich auf der EU-Ebene für einen Kurswechsel weg von der Exportorientierung einsetzen. Weder der Export noch die Produktion von Milchpulver darf durch Subventionen gestützt werden. Perspektive statt Pulver!

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