Nachbetrachtungen zur Fußball-WM

 

Im Vorfeld der bevorstehenden Fußball-WM wurde viel über die möglichen Auswirkungen dieses Ereignisses auf die (Zwangs)Prostitution spekuliert. Eine Zahl von 40.000 zusätzlich einreisenden Prostituierten wurde von den Medien in Umlauf gebracht, die sich dann in 40.000 Zwangsprostituierte umwandelte. In Schweden, wo Freier seit 1999 strafrechtlich belangt werden, wurde sogar diskutiert, ob die Teilnahme an der Fußball-WM abgesagt werden soll. Welche Entwicklungen auf dem Prostitutionsmarkt ließen sich beobachten? Und wie beurteilt feminist Attac diese?

 

Vorbereitungen der Sexindustrie

Wir halten es für eher unwahrscheinlich, dass für einen derartig kurzen Zeitraum 40.000 Zwangsprostituierte i. e. S. nach Deutschland gebracht wurden. Die prognostizierte Einreise von 40.000 zusätzlichen Prostituierten dagegen war gar nicht so sehr aus der Luft gegriffen. Ausgehend von einer Zahl von ca. 400.000 Prostituierten in Deutschland, hätte dies einem moderaten Anstieg von 10% entsprochen, um die erhöhte Nachfrage bei solchen Großereignissen zu befriedigen.

 

Aus verschiedenen Quellen ist belegbar, dass die Sexindustrie überall kräftig aufrüstete, um sich auf die erhöhten Gewinnchancen aus diesem "Riesengeschäft" einzustellen. Mit den Hunderttausenden von meist männlichen Fußball-Fans erhofften sich die Macher im Sexgeschäft gewaltige Umsätze:
Rechtzeitig vor dem Großereignis eröffnete in Berlin das größte Bordell Deutschlands "Artemis" auf 3500 qm, nicht weit vom Olympiastadion entfernt. Das "Artemis" verdoppelte die Zahl der beschäftigten Frauen von 40 auf 80 und erwartete eine Umsatzsteigerung von 100 Prozent. (1)
Eine "Dame" aus dem Bordell "Bell Ami", keine 300 Meter vom Olympiastadion entfernt, berichtete in der Berliner Zeitung, dass das Personal zur WM von 26 auf 41 Prostituierte aufgestockt wurde. (2)

Auch mit Spezialangeboten stellte sich die Branche auf das Sportereignis ein. Beate Uhse verkaufte Stringtangas im Trikot-Look. Im "Artemis" wurde eines der Sexkinos zum WM-Studio umfunktioniert, um die Live-Übertragung aller Spiele zu zeigen. (3) Ein Bordell in Krefeld lockte mit einem "WM-Quickie" (20 min für 30 Euro), Düsseldorf mit einem Eintrittsgutschein von 10 Euro für jedes Deutschland-Tor und Berlin mit einem Fußball-Test ("10 Treffer - ein Freistoß"). (4)
Die Münchner Polizei konnte bei ihren Kontrollen im Milieu feststellen, dass fast alle kontrollierten Milieubetriebe die Zahl der bei ihnen tätigen Prostituierten für die Zeit der Fußballweltmeisterschaft merkbar erhöht hatten. Normalerweise arbeiten in den registrierten Einrichtungen ca. 500 Frauen, zur Fußball-WM wurden ca. 800 angetroffen (was einer Steigerung von etwa 60% entsprach). (5)

 

Um den wachsenden Personalbedarf zu decken, wurden auch gezielt Frauen in Osteuropa angeworben. ARD-Korrespondent Peter Hornung beispielsweise berichtete von Anfragen deutscher Nachtclubbesitzer bei Etablissements in Tschechien. Auch in einschlägigen Zeitungsrubriken erschienen immer wieder Anzeigen des deutschen Milieus.6 Die Organisation Solwodi konnte beobachten, wie in Osteuropa verstärkt Anzeigen geschaltet wurden, in denen nach Messehostessen oder Haushaltshilfen gesucht wurde.6 6 Frauen, die sich auf eine solche Anzeige melden, sind einem verstärkten Risiko ausgesetzt, Opfer von Zwangsprostitution zu werden.

 

Entwicklung der Nachfrage

Die Sexindustrie hatte sich also ausreichend für die Geschäfte der Fußball-WM präpariert. Doch wie stand es letztendlich um die Nachfrage?

 

Der überwiegende Tenor der Medien war die "Bordellflaute", hervorgerufen von einem Einbruch der Besucherzahlen. So berichtete die Münchner Polizei, die vom Rotlichtmilieu erhoffte Steigerung der Gästezahlen sei ausgeblieben. (5) Die Hamburger Polizei verkündete, alles sei wie immer, und auch in Frankfurt hatte sich "nichts verändert". (3) Es wurde berichtet, die Fans hätten für käuflichen Sex weder Geld noch Zeit. Prostituierte langweilten sich oder reisten wieder ab. (7)

 

Wenn Fußballfans ins Bordell gingen, kamen sie meist in der Gruppe, wollten deshalb nur schauen und ein Bier trinken. Um mit einer der Damen aufs Zimmer zu gehen, dafür fehlte die Ruhe und Anonymität. Diese Zurückhaltung - nur gucken, nicht anfassen - ließ sich teilweise auch mit abweichender Gesetzeslage in anderen Ländern erklären: Die vergleichsweise große Offenheit, mit der Prostitution in Deutschland stattfindet, hatte einen gewissen Sensationswert. Ein englischer Fußball-Fan dazu: "Für eine Fußballreise ist das hier fantastisch. Aber eigentlich ist es widerlich. Bitte nicht in meinem Land." Der allgemeine Trubel in den Bordellen wurde auch für das Ausbleiben der Stammfreier verantwortlich gemacht. (3)

Statt in den Bordellen ließen die Fußballfans ihr Geld lieber in Tabledancebars. Dorthin kamen sie in Scharen, um gemeinsam mit Freunden zu feiern und sich zu betrinken. (3)
Zulauf vermeldeten auch große Bordelle wie das "Pascha" in Köln und das "Artemis" in Berlin, die öffentlich und international auftraten. Laut ihrer Aussage waren sie an den Grenzen ihrer Kapazität angelangt (3) und hätten ein richtig gutes Geschäft machen können, wenn zusätzlich zu dem internationalen Publikum auch noch die Stammgäste gekommen wären. (2)

 

Journalisten und Polizei beschränkten ihre Nachforschungen allerdings hauptsächlich auf bekannte Bordelle. Die Nachfrage in diesen Indoor-Etablissements geht aber wetterbedingt im Sommer sowieso immer zurück, da sie sich teilweise nach draußen verlagert. (2)
Eine Prostituierte vom Straßenstrich Oranienburgerstraße in Berlin berichtete: "Allein wegen der vielen Touris brummt das Geschäft." Hatte die 24-Jährige vor der WM in einer Nacht vier Freier, waren es dann acht. Diese Männer bevorzugten die schnelle Befriedigung im Park. Die ist außerdem auch billiger als in den großen Bordells (allein der Eintrittspreis ins "Artemis" kostete schon 70 Euro). Viele ihrer Kunden waren Engländer und Schweden. Sie konnte auch beobachten, dass viele potentielle Freier aus dem Ausland sich nicht trauten, die Frauen anzusprechen, weil Prostitution daheim verboten ist. (2)

 

Zahl der Zwangsprostituierten

Mehrheitlich wurde berichtet, dass die Zahl der aufgegriffenen Zwangsprostituierten, entgegen allen düsteren Prognosen, sehr niedrig war. So konnten beispielsweise bereits im Vorfeld der WM mehrere rumänische Zwangsprostituierte in Bayern aufgegriffen werden. (10) Richtig ist, dass es sich für Menschenhändler nicht lohnt, Frauen nur zur Fußball-WM nach Deutschland zu verschleppen, da vier Wochen bei weitem zu wenig sind, um die Kosten der Überführung "abzuarbeiten". Dennoch kann die Fußball-WM ein Anlass zur verstärkten Einfuhr von Frauen gewesen sein, denn angesichts der bevorstehenden Einnahmensteigerung stiegen auch die Gewinnaussichten aus zwangsprostituierten Frauen. (In Normalzeiten bringt eine Zwangsprostituierte nach Angaben des BKA einen jährlichen Umsatz von 35.000 bis 100.000 Euro (8).) Das genaue Ausmaß von Frauen, die unfreiwillig in der Prostitution arbeiten, lässt sich kaum bestimmen, liegt aber auf jeden Fall höher als die Zahl in den Polizeistatistiken. Dafür sprechen die folgenden Gründe:

1. Obwohl nicht jede Prostituierte als Zwangsprostituierte bezeichnet werden kann, ist es dennoch notwenig, die Grenzen des Zwangs etwas weiter zu ziehen als allgemein üblich. Freiwillige und erzwungene Prostitution sind nicht immer einfach voneinander zu trennen. Viele Frauen reisen zunächst freiwillig mit, da sie bei ihrer Anwerbung über die letztendliche Tätigkeit getäuscht werden. Selbst bei denen, die wussten, dass sie in der Prostitution arbeiten werden, kann Zwang vorliegen, wenn diese über die wahren Arbeitsbedingungen und auszuübenden Praktiken im Unklaren gelassen wurden. Verarmung und fehlende Perspektiven in weiten Teilen Osteuropas sowie Gewalterfahrungen in der Familie stellen auch Zwangsfaktoren dar, die keine andere Wahl lassen, als auf jede sich bietende Chance im Ausland zu vertrauen. Folgendes Fallbeispiel der Beratungsstelle Contra in der Polizeizeitung 2/2003 soll dies noch mal verdeutlichen:

 

"Ina wurde mit 19 Jahren von einer Bekannten angesprochen, die ihr von gutbezahlter Arbeit in Deutschland berichtete und ihr anbot, sie in solch eine Stelle zu vermitteln. Diese Perspektive erschien Ina verlockend und die einzige Chance, ihren derzeitigen Lebensverhältnissen zu entkommen: ihre Mutter starb, als sie 14 Jahre alt war. Der Stiefvater war gewalttätig und in der Versorgung der Kinder unzuverlässig. Fehlende Sozialsysteme oder korrupte Strukturen verhinderten die gebotene Unterstützung. Nach der Schule fand Ina keine Arbeit als "Ungelernte", ihre Perspektivlosigkeit verstärkte sich. So entschied sie, für 3 Monate nach Deutschland zu fahren, um Geld für eine Ausbildung zu verdienen. Am Busbahnhof einer größeren Stadt wird sie von einem Mann in Empfang genommen und in ein Hotelzimmer gebracht. Ihr Pass wird ihr abgenommen. Er sagt ihr, dass sie nun als Prostituierte arbeiten müsse und vergewaltigt sie, als sie ihm verdeutlicht, dass sie für einen Putzjob eingereist sei. Ina wird von ihm in der Folge zu sexuellen Handlungen mit weiteren Männern gezwungen. Ina verweigert sich, versucht sich zu wehren - sie wird mit Drohungen unter Druck gesetzt sie bekommt Essensentzug und auch Schläge. Außerdem wird sie gezwungen, Schulden abzuarbeiten, die ihr willkürlich auferlegt werden. Da sie von den Tätern als unwillig und nicht gefügig eingestuft wird, wird sie von einem ins andere Bordell / Modellwohnung gefahren oder verkauft - Aufenthaltsdauer jeweils drei Tage bis vier Wochen." (9)

2. Seitdem die Prostitutionsausübung in Deutschland legalisiert ist, beschränkt die Polizei ihre Kontrollen auf das Aufspüren von Frauen mit illegalem Aufenthalt oder ungültigen Arbeitspapieren. Illegaler Aufenthalt wird immer noch als Vorbedingung für Zwangsprostitution gedacht. Viele Frauen aus Osteuropa, woher der überwiegende Teil der gehandelten Frauen kommen, können aber mittlerweile legal nach Westeuropa einreisen. Viele haben aber nicht die finanziellen Mittel, um eigenständig einzureisen, und müssen sich deshalb in die Schuldknechtschaft von Menschenhändlern begeben.

 

3. Viele zwangsprostituierte Frauen können oder wollen sich bei Razzien nicht verständlich machen, weil sie 1) kein Deutsch sprechen, 2) Angst vor den Folgen haben (Abschiebehaft und Rückkehr in die Heimat), 3) von Zuhältern unter Druck gesetzt werden. Werden sie ohne Papiere aufgegriffen, werden sie in erster Linie als Beschuldigte behandelt und möchten sich der Polizei deshalb oft nicht weiter offenbaren.

 

4. Obwohl es auch viele gehandelte Frauen in legalen Etablissements gibt, muss ein Großteil von ihnen sich in unbekannten Privatwohnungen oder auf der Strasse prostituieren. Zwangsprostitution spielt sich überwiegend im Verborgenen ab.

 

5. Die meisten Frauen entsprechen nicht den typischen Opferklischees und erhalten deshalb keine besondere Aufmerksamkeit von der Polizei. Am Ende fügen sich viele Frauen in die Situation, so dass am Ende gar kein Zwang in der Prostitutionsausübung mehr erkennbar ist. In der Polizeizeitung 2/2003 heißt es dazu:

"Nach ca. einem Jahr sieht Ina keine Chancen mehr, dem Teufelskreis zu entkommen. Also fügt sie sich allmählich in die ihr zugewiesene Rolle, um einigermaßen gesund zu überleben. Ina verändert sich: Sie lernt allmählich deutsch und versucht, sich mit ihrer Situation zu arrangieren. Weil sie sich entsprechend konfliktfrei "führt", kann sie ab und zu auch Forderungen stellen und sich gegen ihre Zuhälter behaupten. Außerdem versucht sie, einen Mann in sich verliebt zu machen und hofft, dass er sie heiratet und sie damit der Prostitution entkommt." und "Ina ist zum Zeitpunkt unseres Kontaktes nicht sofort als Betroffene erkennbar, da sie inzwischen Strategien entwickelt hat, um in ihrer Situation zu überleben." (9)

 

(1) Stern 23/05/06
(2) Berliner Zeitung 17/05/06
(3) FAZ 18/06/06
(4) Mainpost 07/07/06
(5) Pressebericht der bayrischen Polizei 12/06/06
(6) Sport.ARD 28/05/06
(7) Tagesspiegel 23/06/06
(8) EKD 02/06/06
(9) Polizeizeitung 2/2003 (Seite 7)

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