Das Dienstmädchen kehrt zurück

Dienstmädchen", "Kindermädchen", Haushaltshilfen, Putz- und Pflegekräfte übernehmen heute in zunehmendem Maße die Versorgungsarbeit in privaten Haushalten.  

Nach vorsichtigen Schätzungen über den Umfang dieses Phänomens in Deutschland gehen Wissenschaftlerinnen davon aus, dass jeder achte Privathaushalt heute eine Haushaltshilfe beschäftigt. Es wird ein Trend zum Beschäftigungszuwachs in diesem Bereich konstatiert.

Bekannt ist, dass die Beschäftigten zu mehr als 90% Frauen sind. Die "Dienstmädchen“ von heute sind oft Migrantinnen - Frauen aus Asien, Afrika, Lateinamerika und in Deutschland häufig aus Osteuropa. Viele von ihnen sind gebildet, älter als 30 Jahre, mit eigener Familie im Heimatland – also gestandene Frauen, die als sogenannte "Dienstmädchen" in die Zentren der reichen Welt auswandern. Da sie im Herkunftsland keine oder schlechte Entwicklungsmöglichkeiten für sich und ihre Familien sehen, sichern sie mit ihrer Arbeit das (Über-) Leben ihrer Familienangehörigen und ermöglichen die Ausbildung der eigenen Kinder.

Die Skala der Tätigkeiten reicht von Putzen, Waschen und Kochen, über die Betreuung von Kindern, Unterstützung von alten Menschen und die Pflege von Kranken bis zum Service bei Familien- und Betriebsfeiern und vom wöchentlichen 2-Stunden-Putzjob bis zur Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit in Privathaushalten. Viele Frauen leben ohne arbeits- und aufenthaltsrechtlichen Schutz. Weil sie als Illegalisierte in Deutschland leben, haben sie kaum Möglichkeiten, gegen Lohnprellungen oder sexuelle Ausbeutung vorzugehen. Deshalb leben die Betroffenen ständig in Angst vor Entdeckung und Abschiebung, ohne soziale und gesundheitliche Absicherung und oft auch sozial isoliert. Zu ihren Familien und Kindern halten sie zwar Kontakt, sehen sie aber zum Teil über viele Jahre hinweg nicht.

In dem Phänomen der heutigen „Dienstmädchen“ zeigt sich die weltweite Feminisierung der Migration und die Globalisierung des internationalen Arbeitsmarktes. Die Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse verschieben sich vom nationalen auf das internationale Niveau: von einer Klassenfrage hat sich die Dienstmädchenfrage zu einem ethnisch und national differenzierten Phänomen entwickelt. Die Rekrutierungsrouten lassen sich oft im Rückblick auf frühere koloniale Verbindungen erklären.

Bei der Dienstmädchenfrage handelt sich um ein Phänomen der Schattenwirtschaft, an dessen Sichtbarmachung und Veränderung wenig öffentliches Interesse besteht. Denn gerade die illegalisierte Arbeit dieser Frauen im Verborgenen macht sie abhängig und damit ausbeutbar.

In vielen Ländern verläuft die Vermittlung von 'domestic workers’ über weltweit operierende Agenturen und das Internet. Kommerzielle Agenturen konkurrieren dabei mit kirchlichen, die beispielsweise in Südamerika und Süd-Ostasien den Transfer ermöglichen, aber auch die karitative Betreuung der Betroffenen im Aufnahmeland übernehmen.

Bislang am Besten dokumentiert ist die Situation der philippinischen Frauen, da sie sich weltweit organisiert haben. Die Geldüberweisungen der in Übersee arbeitenden Philippininnen stellten die größte Devisenquelle des Landes dar; 1/4 der 80 Millionen zählenden philippinischen Bevölkerung wird heute von Überseearbeiterinnen unterhalten. Viele von ihnen hinterlassen eigenen Kinder bei Verwandten, in Internaten oder beschäftigen ebenfalls eine „Kinderfrau“ zu deren Betreuung.

Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bildet den Hintergrund für das Phänomen der heutigen "Dienstmädchen". Weder die feministische Forderung nach Umverteilung der Hausarbeit auf beide Geschlechter noch die Forderung nach "Lohn für Hausarbeit" konnten in der Vergangenheit durchgesetzt werden. Über die Rückkehr des "Dienstmädchens" wird hierzulande der Geschlechterkonflikt verdeckt, verlagert und auf dem Rücken von Frauen aus Billiglohnländern ausgetragen. Die Verantwortung für die Sorgearbeit bleibt dabei nach wie vor bei den Frauen. Für viele Frauen gibt es in den Herkunftsländern auch kaum andere Möglichkeiten, ihr Leben zu verbessern. Zum Wohle der Zukunft ihrer eigenen Kinder verlassen sie ihre Heimat und verdingen sich bei uns.

Die Rückkehr des "Dienstmädchens" weist auf die patriarchalen Grundpfeiler der globalen Wirtschaftsordnung und Arbeitsteilung hin. Dabei wird fast selbstverständlich auf die "natürliche" Ressource Frau zurückgegriffen. Analoge Strukturen finden sich in Deutschland auch im Niedriglohnsektor und bei den Ein-Euro-Jobs wieder: Gesellschaftlich notwendige Arbeit wird nicht entsprechend entlohnt, sondern von Zwangsverpflichteten erledigt.

Deshalb fordern wir: 

• die Legalisierung der Arbeits- und Aufenthaltsverhältnisse

• die Gleichverteilung von gesellschaftlich notwendiger Reproduktionsarbeit auf Männer und Frauen

• die Sichtbarmachung dieser für alle lebenswichtigen Arbeit und die Einbeziehung in die Berechnung   des Bruttoinlandsprodukts

• eine angemessene Bezahlung der Reproduktionsarbeit in Anlehnung an BAT IV in Verbindung mit  vollständiger Absicherung in Kranken-, Renten-, Arbeitslosen und Unfallversicherung oder
  entsprechender Leistungen durch ein BürgerInnengeld

• die soziale und gesundheitliche Absicherung der Betroffenen und die Berechtigung ihrer Kinder zum  Schulbesuch

Weiterführende Literatur:

• Rostock, Petra (2007): Gleichstellungshindernis Reproduktionsarbeit: Löst die Beschäftigung von HausarbeiterInnen das Vereinbarkeitsdilemma?
petra_rostock_hausarbeiterinnen.pdf

• Lutz, Helma (2002): In fremden Diensten. Die neue Dienstmädchenfrage als Herausforderung für die Migrations- und Genderforschung, in: Gottschall, Karin/Birgit, Pfau-Effinger (Hrsg.): Zukunft der Arbeit und Geschlecht. Diskurse, Entwicklungspfade und Reformoptionen im internationalen Vergleich,  Opladen. S. 161-181.

• Lutz, Helma (2001): Die neue Dienstmädchenfrage im Zeitalter der Globalisierung, in: Fechter, Mathias (Hg.): Gesellschaftliche Perspektiven: Wissenschaft. Globalisierung. Jahrbuch der Hessischen   Gesellschaft für Demokratie und Ökologie. Essen. S. 114-135.
http://www.uni-muenster.de/FGEI/in_fremden_diensten.pdf

• Uchatius, Wolfgang (2004): Das Globalisierte Dienstmädchen.
http://images.zeit.de/text/2004/35/migration

• Odierna, Simone (2000): Die heimliche Rückkehr der Dienstmädchen. Bezahlte Arbeit im privaten Haushalten, Opladen.

Pressemitteilung vom 06.03.2005

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