Brühl

Kritischer Vortrag "Was würdest du tun, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre?"

attac Brühl begrüßte am 02.11.2010 zwei Referenten der "Kölner Initiative Grundeinkommen" zu einem kritischen Vortrag zum Thema "Bedingungsloses Grundeinkommen".

Flugblatt

Presse

Quelle: Brühler Schlosbote 27.10.2010

Kommentar

"Man muss nicht wahnsinnig und kein Phantast sein, um sich vorzustellen, dass Vollbeschäftigung nicht mehr zu verwirklichen sein wird.

Wie also soll unsere Gesellschaft damit umgehen, dass es immer Menschen geben wird, die auf den ersten Blick vielleicht keinen "gewinnbringenden", baren Beitrag zum Bruttosozialprodukt leisten?
Muss man sie dafür bestrafen, dass unsere Vorväter Maschinen und Computer erfunden haben, die ihre Arbeitskraft überflüssig machen? Oder wäre es nicht angebracht, dieses Potential als Freiheit und Chance anzusehen, die „wir“ uns erarbeitet und verdient haben?

Was ist mit Philosophen, Künstlern, Erfindern und Freischaffenden? Gehören sie dafür abgestraft, dass ihr Beitrag zum Wohlbefinden der Gesellschaft sich nicht vom ersten Pinselstrich an, vom ersten geschriebenen Wort an, in gezahlten Steuergeldern niederschlägt? Wie viele berühmte Persönlichkeiten unter Literaten, Komponisten und Philosophen kennen wir denn, die Großartiges zustande gebracht haben und dabei hauptberuflich noch einer Beschäftigung nachgegangen sind, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Schwer vorstellbar,  diese genialen Geister und Talente auf „Feierabendkünstler“ zusammenzuschrumpfen, die einem Herren zu Diensten waren und niedere Arbeit taten. Die meisten von uns wissen, dass diese Menschen, so sie nicht vermögend waren, oft auf Kosten anderer lebten, die sie unterstützten und ihnen „den Rücken frei hielten“. Zum Gewinn aller und sogar zum Gewinn ganzer Generationen.

Wie viel Freiheit würde es der ganzen Gesellschaft geben, wenn man nicht mehr angstvoll an einem ungeliebten Job kleben müsste, bis er einen sogar krank macht? Wie viel Freiheit würde es jedem Einzelnen von uns und der Gesellschaft geben, wenn man seine Arbeits-Stunden reduzieren und damit wiederum Arbeitsplätze für andere frei machen könnte?
Interessanterweise ist es so, dass viele Befragte auf die Frage, was sie tun würden, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) gäbe, antworten, dass sie gerne weiterarbeiten würden. Weil sie ihren Job eigentlich mögen, weil sie sowieso mehr Geld zur Verfügung haben wollen, als das BGE hergibt, weil sie die Struktur schätzen, die ein Job ihrem Leben gibt und weil sie die beruflichen sozialen Kontakte nicht missen wollen.
Ist es nicht grausam, Arbeitslosen diese Privilegien vorzuenthalten? Mit der Einführung des BGE und den reduzierten Arbeitsstunden, die sich überarbeitete Angestellte und Arbeiter dann ohne finanzielle Einbußen abschneiden könnten, würden jedoch abertausenden neue Beschäftigungsmöglichkeiten frei. Zweifelllos ein großer Gewinn für alle.

Freiberuflern und Existenzgründern wäre die unmittelbare Drohung vom Hals geschafft: „Wenn es nicht klappt, wenn ich versage, wenn ich krank werde, rutsche ich in Hartz IV. Ich werde unabhängig von meiner Qualifikation als 1,-Euro-Jobber in Arbeit gezwungen und werde ein Sozialfall, der kaum noch Chancen haben wird, auf dem ersten Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen.“

Hartz IV , sozusagen ja das krasse Gegenteil des BGEs, ist genau der Job-Vernichtungsmotor, der mit seiner Repressionspolitik das ganze Lohniveau in die Tiefe reißt. Man muss nicht besonders gewitzt sein, um zu verstehen, dass der unfreiwillige 1,-Euro-Jobber reguläre Arbeitsplätze vernichtet. Die Reinigung z.B. einer Parkanlage würde ja normalerweise bei einem Gärtner  in Auftrag gegeben, die Wartung eines städtischen Hauses einem Hausmeister-Service aufgetragen. Was fehlende Aufträge für den Gärtnerbetrieb oder einen Hausmeister-Service,um bei diesen Beispielen zu bleiben,  bedeuten, brauche ich wohl nicht ausführen. Es liegt ja auf der Hand, dass diese Politik Jobs vernichtet, dass hier aktiv weitere 1,-Euro-Jobber geschaffen werden und dass es zu einem massiven Lohnverfall kommen muss, weil kein Betrieb gegen so billige Arbeitsangebote bestehen kann.  Nicht selten ist es in der Realität ja auch so, dass z.B. der arbeitslos gewordene Gärtner als 1-EuroJobber plötzlich die Gärtner-Jobs macht, die er sonst als  Berufstätiger ausgeübt hätte.
 
Wichtig vielleicht noch in diesem Zusammenhang:
das BGE soll eine Grundsicherung darstellen. Je nach Modell geht man von einem Betrag zwischen ca. 800,- und 1500,- Euro pro Einwohner aus. Das reicht natürlich nicht, um sich ein Leben in Saus und Braus zu gönnen. Bei der Idee des BGE wird davon ausgegangen, dass der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung dazuverdienen MÖCHTE und dies ist auch grenzenlos möglich. Wer 8.000,- Euro oder 40.000,- Euro  im Monat machen will, dem steht das selbstverständlich vollkommen frei, dies auch nach der Einführung des BGE zu tun.

Natürlich ergeben sich eine Menge Fragen, wenn man über das BGE nachdenkt. Da gibt es die bösen „Sozialschmarotzer“, da gibt es Fragen nach der „Inflation“, wenn plötzlich scheinbar mehr Geld in Umlauf ist und vieles andere mehr.

Deshalb haben auch wir attacies gedacht, dass wir besser informiert sein wollen und uns zwei Referenten der Kölner Initiative Grundeinkommen eingeladen. Sie erklären uns ihr favorisiertes Modell, die Finanzierbarkeit des BGE und sind für alle Fragen, die sich ergeben werden, offen.

Da am 08.11.2010 im Bundestag eine Petition für das BGE beraten werden muss, weil weit über 50.000 Petenten dies gefordert haben, ist der Bezug mehr als aktuell. Und da die Rhein-Erft-SPD der erste Kreisverband von 350 Kreisverbänden in ganz Deutschland ist, der sich für die Einführung des BGE ausgesprochen hat, gibt es sogar noch einen erstaunlich konkreten regionalen Bezug.

Kommt also bitte am 02.11.2010 um 20.00 Uhr ins OG vom MÄX, Bahnhofstr, 7, 50321 Brühl.
Das eine Veranstaltung zum BGE kostenfrei sein muss, ist vermutlich selbstverständlich, sei der Vollständigkeit halber aber erwähnt. Die Referenten kommen, ohne ein Honorar dafür zu bekommen und die Brühler attacies legen die Fahrt- und Getränkekosten für die beiden zusammen, damit ihnen wenigstens keine Unkosten entstehen. Das sind unsere Geschenke an Euch.
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