BrĂĽhl

Interview "Die kalkulierte Provokation"

Die kalkulierte Provokation

Sie lieben die Provokation und sind auch dem Straßentheater zugeneigt: Die Brühler Ortsgruppe der Globalisierungsgegner von „attac“. Wer jedoch die Provokation ins Zentrum rückt, wird ihnen nicht gerecht.

Brühl Wer in der beschaulichen Brühler Fußgängerzone unterwegs ist und auf Männer und Frauen in Schutzanzügen trifft, die kleine grell-gelbe Döschen mit Atommüll an die Passanten verteilen. Oder auf einen Anzugträger mit gegeltem Haar, der mit großzügigem Lächeln Dekadenzgutscheine für Reiche verteilt - der hat es garantiert mit „attac“ Brühl zu tun: Das Team der Globalisierungsgegner in der Schlossstadt mag den kleinen öffentlichen Auftritt und vor allem die Debatten auf der Straße, die aus solcherlei Provokationen erwachsen. „Einfach irre, was einem da so alles begegnet“, sagt der Brühler „attac“-Vorsitzende Frank Milde lachend. „Meinung kreativ nach außen bringen“, nennt der Lehrer für Mathe und Physik dieses Standbein der Attacies, wie sie sich nennen.

Austausch ĂĽber Zukunftsthemen

Aber wer die Provokation ins Zentrum rückt, wird ihnen nicht gerecht: Als sich die Ortsgruppe vor zwei Jahren in Brühl gründete, war die Intention, sich fundiert über Zukunftsthemen auszutauschen. Über Vorträge und Diskussionen sollten die weltwirtschaftlichen und umweltpolitischen Folgen der Globalisierung erschlossen werden. Dabei ist es ein buntes Trüppchen, das sich jeden ersten Dienstag im Monat im Café Mäx trifft: Allesamt parteiunabhängige Idealisten, wie Milde beschreibt: „Bei attac bin ich einfach fasziniert von der Toleranz und der Bandbreite. Vom Christen bis zum Kommunisten ist da alles dabei.“

Sich und andere über weltwirtschaftliche Zusammenhänge aufklären wolle er, sagt etwa Jürgen Zerche. Der emeritierte Professor für Sozialpolitik kommt regelmäßig mit seiner Frau Gabi hierher und findet den Austausch, den er sucht, nachdem er aus Enttäuschung über die Schröder-Politik aus der SPD ausgetreten ist. Ebenso wie die Sonderschullehrerin Elsbeth Egidi: „Nach dem Eintritt in den Ruhestand wollte ich meinen Horizont erweitern und fand, dass attac sich dafür prima eignet.“ Milde betont: „Wir sind in erster Linie eine Bildungsbewegung.“ Sie alle hier treibt um, dass die Globalisierung eben nicht Wohlstand für alle bringt, sondern die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert. Wenn Banker und Finanzmanager täglich Milliardenbeträge auf den Finanzmärkten umsetzten und mit ihren Anlageentscheidungen auch Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen nehmen, dann erzeuge das Wut. Zumal die von „attac“ schon lange geforderte Steuer auf spekulative Devisengeschäfte immer noch nicht Realität sei.

„Bedingungsloses Grundeinkommen für alle weltweit?“ heißt heute das Thema und als Gast referiert der „attac“-Aktivist Werner Rätz. Natürlich seien die dargestellten Themen oft komplex, aber gerade das betrachten sie als ihre Stärke. Die oberflächliche Berichterstattung gehe ihnen allen auf den Geist, meint Harry Hupp. Egal ob Entwicklungs-, Umwelt- oder Klimapolitik, sie wollen Fakten sammeln.

Kritischer Stadtrundgang

„Der aufklärerische Ansatz hat mich begeistert“, erzählt der kaufmännische Angestellte. Hier finde er Fakten, die sich sonst in den Medien selten fänden. Dabei versuchen sie auch in Brühl auf lokaler Ebene für ihr Ideal einer gerechteren Welt einzustehen. Etwa mit ihrem kritischen Stadtrundgang „Brühl global, was geht lokal?“, den sie gemeinsam mit dem Eine-Welt-Laden rund um das Thema kritischen Konsum veranstalten. So soll der Verbraucher erfahren, wie er beim Einkauf fairen Handel und Umwelt unterstützen kann. Zudem engagiert sich „attac“ gegen die Erweiterung des Phantasialands.

Seit der weltweiten Finanzkrise habe sich ihr Image schon gewandelt, meint Zerche. Nicht nur weil prominente Politiker wie Heiner Geißler sich der Bewegung angeschlossen haben. Früher sei man doch eher in die Chaotenecke gestellt worden, meint Zerche. Vielleicht auch, weil der Name „attac“ da etwas irreführend sei. „Aber heute haben viele einfach Sorge um die Zukunft ihrer Kinder.“ Sie suchten nach Alternativen zum neoliberalen Dogma. Kürzlich wurde Zerche „sogar“ von der katholischen Kirche, genauer von der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), angesprochen. „Da soll ich jetzt mal zu einer Diskussion im Begegnungszentrum Margaretas vorbeischauen.“

Die Brühler Mitglieder von „attac“ im Café Mäx. Frank Milde (r.) und Jürgen Zerche (5.v.l.) sind auch dabei. (Bild: Ringendahl)

Maria Blech verteilt gelbe Konserven mit Atommüll an die Brühler Bevölkerung. (Bild: Privat)

Quelle: Alexandra Ringendahl: Die kalkulierte Provokation; Kölner Stadt-Anzeiger 14.02.2011

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