Infostand zu "Ausgabe von Dekadenzgutscheinen"
Die Brühler Ortsgruppe von attac führte am 19.06. und 03.07.2010 auf dem Brühler Markt ein kleines Straßentheater auf. Verkleidet als Vertreterinnen und Vertreter der CDU-CSU-FDP-Bundesregierung verteilten Brühler attacies "Dekadenzgutscheine", um die Beleidigung des FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle zur "spätrömischen Dekadenz des deutschen Sozialstaates" und das unsoziale Sparpaket der Bundesregierung anzuprangern. Dabei wurden Flugblätter "Sprengstoff Sparpaket" an die Bürgerinnen und Bürger verteilt. An einem deutlich erkenntlich gemachten attac-Infotisch konnten Interessierte weitere Infos mitnehmen.
Die Brühler attacies gingen mit (Schlips-und-Kragen-)Anzügen, viel Haargel oder -spray, Kissen als Bauch, Pseudo-CDU-FDP-Buttons ("Liebe den Reichen wie dich selbst! CDU", "Arme müssen arm bleiben! CDU" und "Friede den Palästen! FDP") begrüßend auf die Bürgerinnen und Bürger zu:
"Guten Tag, mein Name ist Stefan Schmierig von der Bundesregierung. Wir verteilen heute Dekadenzgutscheine."
...und hielten das Flugblatt hin, damit die Angesprochenen im ersten Augenblick dachten, das sei tatsächlich ein "Dekadenzgutschein". Manche Leute reagierten schroff abweisend, weil sie - die Ironie nicht erkennend - uns entweder für tatsächliche Vertreter der Bundesregierung hielten oder generell von der Politik so gefrustet sind. Die meisten Angesprochenen nahmen das Flugblatt an und gingen damit entweder unbeeindruckt ohne zu lesen weiter oder - mehrheitlich - wurden stutzig bzw. mussten grinsen, wobei viele auf diese Art und Weise neugierig gemacht das Flugblatt durchlasen. Wir waren erleichtert, dass viele Bürgerinnen und Bürger die bitterböse Ironie unseres kleinen Schauspiels erkannten und sich mit unseren attac-Forderungen nach einem gerechten Sparpaket und nach gerechten Steuereinnahmen solidarisierten. Nach der "Aufklärung", dass es sich um ein attac-Straßentheater mit Kritik am unsozialen Sparpaket der Bundesregierung handelte, kamen viele sehr interessante Gesprächen mit den Bürgerinnen und Bürgern zustande.
Filme
Buttons

Flugblatt
Sprengstoff Sparpaket
Eine neue Qualität neoliberaler Politik: EU-weit wird der Sozialstaat angegriffen. Die Bundesregierung bedient sich mit ihrem Sparpaket vor allem bei den Armen, die Krisenverursacher werden einmal mehr geschont. Auch in anderen Ländern werden Sozial- und Lohnstandards gesenkt, wird die soziale Spaltung mutwillig vorangetrieben. Das ist Klassenkampf von oben! Doch wir zahlen nicht für Eure Krise!
Die Krisenverursacher und die Reichen schonen, um stattdessen den Armen die Kosten der Krise aufzubürden – so lautet offenbar der Leitspruch der Bundesregierung. Da ist es nur konsequent, dass die Koalition jetzt vor allem beim Hartz IV streichen will. Dabei sind die geplanten Kürzungen nicht nur unsozial, sondern auch ökonomisch unsinnig. Notwendig wäre eine stärkere Belastung von Vermögen und hohen Einkommen.
Die forcierte Umverteilung von Arm zu Reich in Deutschland hat bereits in den vergangenen Jahren zu einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft geführt - hier zu Lande, aber auch in ganz Europa. Denn die Krise, unter der Griechenland und andere südeuropäische Länder derzeit leiden, hängt unmittelbar mit dem deutschen Lohn-, Steuer- und Sozialdumping zusammen.
Wir fordern die Bundesregierung auf, das Geld endlich bei den Krisenverursachern und den Reichen zu holen, statt weiter auf Kosten der Schwächsten in der Gesellschaft Ausgaben zu kürzen. Allein die Einführung einer Vermögenssteuer von einem Prozent auf alle Vermögen von mehr als 500.000 Euro würde den Haushalt jährlich um 16 Milliarden Euro entlasten. Beträchtliche Einnahmepotenziale gibt es auch bei der Körperschaftssteuer, der Erbschaftssteuer und der Kapitalertragssteuer.
Außerdem fordert attac eine koordinierte Lohn- und Sozialpolitik in Europa, die eine Angleichung auf hohem Niveau verfolgt, sowie die ernsthafte Schrumpfung und Regulierung der Finanzmärkte – unter anderem durch die Einführung einer Finanztransaktionssteuer in Europa.
Radikale Sparpakete werden unter dem Druck der Finanzmärkte, des IWF und des Standortwettbewerbs derzeit in nahezu allen europäischen Ländern verabschiedet, allen voran in Defizitländern wie Griechenland, Portugal und Spanien. In Griechenland hat diese Politik bereits zu mehreren Generalstreiks geführt. In Spanien protestieren die Angehörigen des öffentlichen Dienstes mit einem Streik gegen das von der Regierung vorgelegte Sparpaket.
Blog
„Guten Morgen, ich bin von der CDU und verteile heute Dekadenz-Gutscheine!“
Selbst ein attac-Infostand an sich ist ja unter Umständen eine öde Angelegenheit und deshalb motzen wir unsere Aktionen schon seit längerem auf. Bei einem Stand gegen die Laufzeitverlängerung der AKWs versuchen wir den Leuten im Namen der Atombehörde und in Schutzkleidung gewandet, kleine Atommüllfässchen für das heimische Regal aufzuschwatzen, bei einem Stand zur Bildungskrise sehen wir selbstverständlich wie das überforderte Lehrerkollegium höchstpersönlich aus, usw.
Für die gute Sache schmeißen wir uns also gerne auch schon mal in die ein oder andere Verkleidung.
Da wir schon auf einer CDU-Wahlveranstaltung von Norbert Röttgen als CDUler verkleidet mächtig Spaß hatten, wollten wir das sowieso mal öfter machen. Am Spaßigsten war wohlgemerkt daran eigentlich, sich den anderen Flashmobbern zu nähern, die uns sofort dem Feindeslager zugeordnet hatten und die erst mal überzeugt werden wollten, dass unsere „Atomstrom ist sauber und toll“-Sticker totaler Blödsinn sind.
Eine geile Aktion, die man im Zweifelsfall auch locker zu zweit durchziehen kann, wenn sonst keiner Zeit hat ... und letzten Samstag gab es dazu wieder eine wunderbare Gelegenheit. Die Fußgängerzone war unser und schließlich ist da noch das Sparpaket, gegen das es ein bisschen Stimmung zu machen gilt.
Mein Kollege sah also so aus: weißes Hemd, Anzug und Krawatte, außerdem die Haare zurückgegeelt und ein dickes Kissen unter das Hemd gestopft, damit er so richtig feist rüberkommt. Waaahhh, eklig.
Ich im entsprechenden piekfeinen engen Damenkleidchen mit den passenden hohen Hacken, die Haare streng gescheitelt und zum Dutt gesteckt und mit Omis Goldschmuck und schwarzer Lederhandtasche behangen. Da kam endlich auch mal das gute alte Chloé zum Einsatz – Verkleidung bis in den Duft ;) - buahhh
Frank hatte außerdem noch 1A-Sticker gebastelt, auf denen unter einem fettem CDU-Logo (selbstverständlich NICHT im Original-Schriftzug) z.B. „Friede den Palästen!“, „Lobbyisten sind Freunde!“ oder „Arm soll arm bleiben!“ zu lesen stand und die wir uns an die in aufrechtem Stolz gespannte CDUler-Brust geheftet haben. - Alleine das hat totalen Spaß gemacht: abzuwarten, wann die Leute endlich sehen, was da eigentlich wirklich steht.
Der attac-Stand wurde aufgebaut, aber im Großen und Ganzen erst mal sich selbst überlassen.
Dann hat sich jeder einen Stapel Info-Blättchen zum Sparpakt geschnappt und ist für sich losgezogen, immer mutig „den Menschen“, wie der Politiker gerne sagt, entgegen.
Mein Kollege mit einem strahlenden „Guten Morgen, mein Name ist Stefan Schmierig von Ihrer Regierung. Ich habe heute etwas Schönes für Sie!“ auf den Lippen. Und ich mit einem ebenso honigsüß-klebrigen: „Guten Morgen. Wir sind von der CDU und verteilen heute morgen Dekadenz-Gutscheine ..(ein keckes Augenzwinkern eingestreut, um den Leuten Zeit zum Denken zu geben) ... und Steuergeschenke an die Reichen!“
(Für die „Freunde“ von der CDU, die immer gerne meine Blogs mitlesen: NATÜRLICH haben wir am Schluss jeden Gesprächs immer, wirklich absolut immer, daran gedacht, noch aufzuklären und zu sagen, dass das „nur“ Straßentheater von attac ist. - Manche wollten das nur kaum glauben! Seltsamerweise haben uns sogar viele erst mal vollkommen ernst und beim Wort genommen! Stellen Sie sich das mal vor! Wie konnte Ihre Partei nur zu so einem Image kommen?).
Aber weg von den „Schwarz“-Lesern und zurück zum Text:
Natürlich haben wir unsere Zeit nicht auf Leute verwendet, die sowieso so aussehen, als würden sie einem CDU-Vertreter, so sie ihn so leibhaftig und nah vor sich hätten, ohnehin am liebsten würgen.
Diese Leute dürfen ja soweit schon als aufgeklärt gelten. In der Regel haben sich ja auch im Griff, aber darauf will man es an einem so schönen Samstagmorgen schließlich nicht ankommen lassen. Wenn doch einer richtig schlechte Laune hat ...wer weiß.
Außerdem es gibt ja noch genügend andere. Reichlich sogar und denen galt unser ganzes Augenmerk.
Bei dem Wort „Gutschein“, im süßesten Klang gesäuselt, geht vielen Leuten gleich das Herz auf und sie recken einem in der Aussicht, dass es etwas umsonst gibt, sogleich begierig die Hände entgegen.
Nur die ganz Aufgeweckten haben sofort gestutzt: “Bitte was? Dekadenz-Gutscheine???“
Selbst der Zusatz „.. und Steuergeschenke für die Reichen“ brachte noch längst nicht jeden aus der Ruhe. Erst nach kurzem Innehalten kam dann ein, für rheinische Verhältnisse recht brüskes: „Für die Reischen?? Datt find isch aber gar nich juut“.
Hehe – wir auch nicht. Überhaupt nicht! So findet man Freunde :)
Der ein oder andere schüttelte auch nur traurig den Kopf und seufzte bedauernd: „Ich bin aber nicht reich“, worauf man sich dann auch recht schnell einig wurde, dass man wohl im selben Boot sitzt und ähnliche Interessen haben sollte.
Ein alter Haudegen hat es gar nicht gerallt und hat mich empört gefragt, wieso „wir von der Basis“ den Rüttgers denn nicht abgesägt hätten. Hehe ... bei dem dauerte es eine ganze Weile ... - der wollte das mit den „Straßentheater“ auch partout nicht hören und redete immer weiter, dass er die CDU gewählt hätte und die gefälligst die große Koalition in NRW hätten eingehen sollen, anstatt den Schwachmaten von der SPD und den Grünen das Feld zu überlassen. Ich sagte: „Moment, das hier ist Straßentheater...“ - und er unterbricht gleich und sagt: „Jaja, so ein Theater! Und dann auch noch die Linken ... bla blub“ . Grandios!
Natürlich gab es auch die üblichen Verdächtigen aus dem Kreis der liebenswerten Greisinnen, die gerne jede Gelegenheit nutzen (egal welchen Stand zu welchem Thema wir machen), um noch mal kurz darauf hinzuweisen, dass sie früher wirklich arm gewesen sind. Nach dem Krieg und so ... Was zweifellos stimmt und das „liebenswert“ meine ich übrigens nicht mal ansatzweise ironisch – nur für politische Forderungen sind die oft nicht mehr so recht zu haben. Obwohl wir den meisten von ihnen sicher ein höheres bedingungsloses Grundeinkommen auszahlen würden, als sie jetzt an Rente beziehen.
„Guck“, sagte dagegen eine eine „jüngere ältere“ Dame zu ihrem Angetrauten, „die sind von der CDU (sie deutete beglückt auf besagte Sticker). Kannst Du ruhig mitnehmen, den Zettel“.
Fand ich so geil, dass sie denkt, was von der CDU kommt kann ja nicht schlecht sein. Die Worte „Straßentheater von attac“ prallten auch an ihr wirkungslos ab. Da konnte ich aber nichts dafür! Ich glaube, sie kannte einfach weder das eine noch das andere Wort. Wahrscheinlich hat sie eher: “Wir bringen Deutschland nach vorne – wart´s mal ab!“ verstanden. Ich weiß es nicht. Jedenfalls durfte ihr Mann den Zettel einpacken und vermutlich erzählt sie jetzt jedem, dass die CDU reihenweise soziale Forderungen unterstützt, weil ihr noch immer nicht aufgegangen ist, dass es genau Leute wie sie sind, die einen glatt über Wahlführerscheine nachdenken lassen.
Alles in allem war es jedenfalls höchst amüsant den Leuten dabei zuzusehen, wie viele doch recht schnell kapiert haben, wo der Hase lang läuft. „Sie sind doch nicht wirklich von der CDU“, haben die dann gesagt oder „Ist das Ihr Ernst?“.
„Klar“, habe ich dann geantwortet. „Ich bin gerne in der Partei, die garantiert, dass das Prekariat klein gehalten und bestraft wird, die Konzernverluste sozialisiert und die Gewinne privatisiert.“
Manche Leute zweifelten immer noch. „Unter uns“, hab ich dann noch einen draufgesetzt, „solange die da unten sich in ihren Mini-Jobs abrackern, kann doch oben die Sahne abgeschöpft werden. In diesen Mob zu investieren ist doch sinnlos, ja geradezu kriminell. Die können meist eh gar nicht so gut mit Geld umgehen. Manche wollen ja auch gar nicht. Unser Bildungssystem ist doch so durchlässig – wer da was werden will, dem steht das doch frei. Oder? .... bla bla bla“
Naja – die meisten mussten eben irgendwann lachen und man kam auf einer ganz angenehmen Ebene sofort ins Gespräch. Viel einfacher jedenfalls, als wenn man einfach mit einem Packen Zettel auf Leute zurennt, die sich dann nur noch mit zusammengekniffenen Augen fragen, wie sie einem ausweichen können.
Die Leute fühlten sich gut unterhalten, haben gelacht und sich gefreut, dass mal jemand so etwas macht. Der attac-Stand war zeitweise gut belagert mit Leuten, die dann das Gespräch ohne uns weitergeführt haben. „Ein Land, das nicht gerecht ist, muss untergehen“, sagte ein Herr. Ein anderer zweifelte daraufhin, ob nicht jeder seine eigene Gerechtigkeit habe, usw. Das war einfach schön und genau so soll es sein, dass Leute ins Gespräch kommen.
Viele haben sich gerne noch Flyer und Infomaterial eingepackt, die Unterschriftenlisten gefüllt und sich für den newsletter eingetragen.
Der ein oder andere hat sich sogar vollmundig für unsere Plenen angesagt. Man darf gespannt sein.
Zu guter Letzt:
Eine Lady war bemerkenswerter Weise ganz straight und antwortete auf mein Dekadenz-Gutschein-Angebot prompt:
„Nein danke, ich bin so schon zu dick.“
Quelle: "Minorityyes Blog" Webblog eines Brühler attacies








